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Der Entrückte


Man sieht ihn selten in den geschäftigen Strassen der Stadt, da geht er versonnen am Stock, schief, krumm, eingeknickt der kahle Schädel, doch über den Rand der Brille auf den Weg gestreut dann und wann ein Blick voll stillen Glücks.

So kehrt er sich dem Laden an der Ecke zu und all den Jahren, da er ihm gehörte und den Bücherschatz der ganzen Welt in sich barg. Abertausend Werke kennt sein greiser Kopf. Jetzt bietet hier ein Bäcker seine Brötchen feil. Manchmal kauft er eins und zählt bedächtig das Geld auf die Theke, grüsst höflich und hat noch nicht die Ladentür erreicht, da ist er wieder ganz in sich und in sein Zauberreich versponnen. Dass man ihm respektvoll hilft, den Vortritt lässt, zur Seite weicht, er merkt es kaum, treuer Hüter der alten Meister, entrückter Geist im Lärm- und Zeitgewühl. Sieh da, er hat sein Brötchen liegenlassen. Der Ladenjunge rennt ihm nach und steckts ihm in den ausgebeulten Mantel. Der Greis geht ruhig an seinem Stock. Ein wenig hebt er den Kopf und scheint zu lächeln, ob zum Dank oder weil ein verehrter Dichter zu ihm spricht?

Der Junge schaut ihm bis zur Strassenkreuzung nach, wo sich die gebückte Gestalt in der Menschenmenge verliert. Dann rennt er in den Laden und in sein eignes junges Leben zurück.


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