Schnipsel für Auge und Ohr
- Daniel Costantino

- 20. Mai
- 2 Min. Lesezeit
Manches liest man, manches hört man. Vieles Gehörte kriegt man niemals zu lesen. Kann es dann wahr sein? Diese Frage verrät, dass man den Schlingen seiner Erziehung niemals entkommt: Nur auf das, was schwarz auf weiss geschrieben steht, sei Verlass.
Was für ein Trugschluss. Und erst recht, nach dieser Entdeckung den Rückschluss zu ziehen, auf das Gehörte sei desto besserer Verlass.
Mit der Zeitung, gelogen oder gebogen, stopft man sich zu, bis das Gelesene
Schnipsel um Schnipsel in einem stecken bleibt wie eine gallige Pappe. Ein Stück von einem selbst. Wer kotzt das noch aus?
Und das Anerzogene kommt noch dazu. Im Ganzen wird man so wie die Leute, die sind wie die Leute und in einem mit Recht dasselbe vermuten. Ein einzelnes Leut vom Geleut.
Die Menschheit, lese ich, stirbt aus. Und zwar ganz langsam in Raten, Geburtenraten. Immer wieder und seit langem lese ich das. Erst warens nur die Schweizer, furchtbar genug, dann auch noch die Deutschen. Und immer so fort. Zuletzt die Chinesen, sogar sie vom Aussterben bedroht. Nur die Wissenschaft, die solches behauptet, legt noch zu.
Doch halt! die Schweiz ist ein Sonderfall. Nämlich dem echten Helvetier, auch er mangels Geburten längst dem Untergang geweiht, erscheint dennoch alles verstopft und zubetoniert, die Stadt, das Land, der Zug, was immer. In seinem Elend steht ihm nun die Nachhaltigkeitsinitiative zur Seite, die seinen pathologischen Zustand zu trösten vermag.
Ja diese aufrechten Fähnchen der Nachhaltigkeit! Der Geister, die sie selber gerufen, nicht Herr, blind für alle Realität, flattern sie wild im peitschenden Wind und schlagen Alarm und Islam.
Das Beil der Geburtenrate, unter dem die Menschheit schliesslich fällt und verfault, als wäre sie nie gewesen, senkt sich unwiderruflich hernieder. Aber langsam, mit Anlauf zuerst. Erst werden wir noch zehn Milliarden sein, sagen Forschung und Zeitung. Und hernach aber wirds ein Spass!
Erst wird Europa aussterben, dann wird China aussterben, dann stirbt der Rest. Nur die Schweiz wird bestehn bis am Schluss. Denn alle werden sie hierher kommen erst, die ausgestorbenen Chinesen und Deutschen und was da alles nach Raten und Daten noch aussterben will, denn die Schweiz, die wächst noch lange und wächst. Zehn Millionen nimmt sie erst auf, dann zwanzig. Fünfzig. Hundert. Alle Zehn Milliarden sind sie dann hier. Und erst in dieser gewaltigen, unüberschaubaren Menge zwischen Bodensee und Genfersee wird die Menschheit einmal ersaufen.
Nur gut, stimmt man dagegen jetzt ab. Soll die Menschheit anderswo verrecken! Man spielt also das alte Kuhschweizerspiel. Nur ohne den Kuhschweizer, denn ihn gibt es schon lange nicht mehr. Hats schon einer gemerkt? Nur noch sein trauriges Kuhschweizerspiel. Ihn selbst hat die Geschichte längst weggeblasen.
Ich warte auf die Studie, welche immerhin den Rückgang der Überalterung am Beispiel der Altersrente beweist. Sie hat nicht zum Leben gereicht. Auch das wird ein Tod sein. Das kann ich schon heute soufflieren.
Ohne dass ich ihn lesen will, klatscht der Text eines Newsportals auf mich ein wie eine synthetische Brause. Alles an ihm ist vollständig künstlicher Schaum. Im Auflösen tröpfeln zwei Linien an mir herab. Eine journalistische links, die trocknet schnell aus. Dort, wo das Herz ist, ist Schluss. Die andere, rechts, das muss die Leitlinie sein. Die läuft mir hinunter bis an den Arsch.

Kommentare