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Acherontisches Frösteln

Schon nascht der Star die rote Vogelbeere, Zum Erntekranze juchheiten die Geigen. Und warte nur, bald nimmt der Herbst die Schere Und schneidet sich die Blätter von den Zweigen. Dann ängstet in den Wäldern eine Leere; Durch kahle Äste wird ein Fluß sich zeigen, Der schläfrig an mein Ufer treibt die Fähre, Die mich hinüberholt ins kalte Schweigen.


Diese ruhigen, in sanfter Melodik fliessenden Verse Detlevs von Liliencron gehören zum Schatz der grossen Herbstgedichte. Wie souverän, wie elementar sind Vergänglichkeit und Todesahnung, ohne sie beide wörtlich zu nennen, mit meisterhafter Leichtigkeit dargestellt. Ein einzelner Vogel, ein leerer Wald, eine schläfrig herantreibende Fähre. Die Zeilen enden auf nur zwei Reimklängen, wie der Leere und dem Schweigen eingeboren. Warte nur, balde, heisst es bei Goethe. Darauf nimmt Liliencron gewiss Bezug. Vielleicht auch auf das Erntelied vom Schnitter Tod in der zweiten Zeile, die als einzige nur vier Hebungen aufweist - zur Verlebendigung des vergangenen Festes juchheien die Geigen, einem Tanzschritt gleich, im singulär eingeschobenen Dreierrhythmus. Die Blätter werden bald gefallen sein, die Äste kahl und den Blick auf den Fluss freigeben. Damit und mit dem bezugreichen Titel, der auf den mythologischen Totenfluss Acheron verweist, ist das Leben unerbittlich zu Ende. Man fühlt und sieht Charons Fähre förmlich nahen. Wie harmonisch gelingt die Veranschaulichung gedanklicher Vorstellung ins Bildhafte, erreicht Liliencron eine dichte, konzentrierte Stimmung, eine atmosphärische Ballung sondergleichen, werden die tradierten symbolischen Zusammenhänge auf ganz eigene poetische, noch nicht vernommene Weise gestaltet. Diese Sprache bedarf keiner Blendung und keiner Extravaganz. Doch wie schön, wie organisch, wie ganz natürlich und selbstverständlich prägt sie sich ein!




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