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Die Verwandlung
Ausser sich, statt in den eigenen Gedanken zu leben, hat seinen Reiz. Die neue Arbeitskollegin hatte ihm gezeigt, wie das geht. Sie plauderte unentwegt und er plauderte zurück. Bevor sie zum Team gestossen war, hatte er zwar bereits mit Kollegen geredet, aber freilich noch kaum geplaudert. Der feine Wandel in der Art, wie oder worüber man sprach, zeitigte eine spürbare Geselligkeit. Ihm schien zuweilen, als käme da etwas an die frische Luft, was zuvor verschlossen war. Das is
Caspar Reimer
16. Sept.2 Min. Lesezeit
Die kleine Kneipe
Er sass an der Theke und blickte ins Glas. Die Zeit hatte er längst vergessen und der Barmann hörte ihm zu: Das Zertrümmern von Schaufenstern und das Abfackeln von Autos sei zwar in Ordnung, zeitige aber keinen umstürzlerischen, sondern, im Gegenteil, einen systemerhaltenden Effekt. Der Spiessbürger brauche schliesslich die Chaoten zur Selbstvergewisserung und auch den Bullen freuts, kann er doch endlich wieder mal die Sau rauslassen. Solcherlei hatte er damals, spindeldürr,
Caspar Reimer
5. Aug.3 Min. Lesezeit
Der Punkt vor dir
Ihm schien, als kreise das Leben seiner Kollegin um einen Punkt, der irgendwo vor ihr auf Schulterhöhe irrlichterte. Sprach sie, streckte sich ihre Nase wie der Schnabel einer Giesskanne zu diesem Punkt hin. Es war einfach, mit ihr auszukommen. Man musste sich nur auf diesen Punkt konzentrieren. Ein Ort, an dem unablässig geplaudert und gelacht wurde, der alle Fröhlichkeit auf sich zog. Schönen wundervollen guten Morgen, lieber Kollege! Hier ist deine liebe Kollegin! Zurückha
Caspar Reimer
24. Juni2 Min. Lesezeit
Die Heimat in der Heimatlosigkeit
Wer an eine Gemeindeversammlung geht, gehört wohl irgendwie dazu. Ist im Herzen der Gesellschaft angekommen. Oder war schon immer dort. Jener weiss, welche Debatten in den Neunzigern um eine neue Strassenbeleuchtung geführt wurden, wer sich vor zehn Jahren für die Schulraumplanung ausgesprochen hatte und wer dagegen, jener kennt die Geschichte der Fussgängerbrücke beim Kreisel am Dorfeingang, deren Sanierung immer wieder zurückgestellt wurde. Das war eine leidige Geschichte.
Caspar Reimer
17. Juni3 Min. Lesezeit


Schwatz zum Sonntag
Die Frage «Kann das schon alles gewesen sein?» setzt voraus, dass es einem irgendwie gut geht. Sie ist ein Trost und eine Aufforderung zugleich. Ein paar Sonnenstrahlen, Sommerfarben, ein laues Lüftchen und die Einsicht, dass noch Zeit bleibt. Achtsamkeit ist das Zauberwort. Für sich selbst und die Welt. Das wünscht sich jeder Psychiater, der seinen Patienten Tabletten verteilt: vom Wrack in eine zufriedene Existenz mit Plänen. Da liegt, falls das Geld reicht, noch ein Abente
Caspar Reimer
10. Juni2 Min. Lesezeit
Im deutschen Gartenbad
Neulich im Gartenbad zeigte sich das Leben von der versöhnlichen Seite. Eigentlich geschah nichts. Und dieses Nichts war ihm nicht bedrohlich, nein: Die Langeweile nahm ihn bei der Hand und zeigte ihm die Existenz. Ja, so war es. Er hatte keinen Stress: Die meisten Schulden waren abbezahlt und er hatte ein regelmässiges Einkommen. Was will man mehr? Er lag auf dem Rücken, spürte das warme Gras und schnupperte ein Lüftchen, studierte das Grün der Baumkrone und die Muster der V
Caspar Reimer
27. Mai3 Min. Lesezeit


Zug spielen
Als Kind spielte er manchmal Zug. Dabei gab es keine Modelleisenbahn. Das wollte er gar nicht. Der Zug fuhr in seinem Kopf. Er gab Struktur, Halt und immer etwas zu tun. Ging er mit der Familie zu Berge, legte er sich Route und Fahrplan zurecht, rechnete es so aus, dass Zugfahrt und Wanderung zur gleichen Zeit endeten. Es war die Schöpfung einer Parallelwelt, die es ihm ermöglichte, von der einen Welt, gab es da eine Durststrecke, in die andere zu wechseln. Die Zugfahrten in
Caspar Reimer
20. Mai1 Min. Lesezeit


Sonntagsspazier
Wer Georg Kreisler kennt, weiss: Es soll sich schon einer nach dem Sonntagsspaziergang erhängt haben. Einfach so, weil Sonntagsspazier war. Ich persönlich mochte Sonntage nie besonders. Das liegt übrigens nicht am Montag, der folgt. Vielmehr scheint mir, als läge am Sonntag etwas bar, was zwischen Montag und Samstag verdeckt ist. Während der Woche muss – wo kämen wir hin? – Geld generiert werden. Samstag Shoppingmeile. Und am Sonntag soll man sich… davon erholen? Für mich hat
Caspar Reimer
6. Mai2 Min. Lesezeit
Die Pandemie
Aus dem Corona-Tagebuch „Es handelt sich um einen Abgrund, für dessen Ernst es keine verlässlichen Zahlen - und schon gar keine Worte gibt...“ (Hans Ulrich Gumbrecht) Die Pandemie vereinzelt tendenziell jeden, nimmt ihm aber explizit die Qualität des Einzelseins... als Einzelner zu handeln. (14.12.21) Es ist kaum sagbar, was das Virus (verstörender Singular!) mit uns macht. Es umtanzt (verstörendes Verb!) alle Massnahmen. Gefährlicher aber al
Roland Müller
6. Mai2 Min. Lesezeit


Reden
Als kämen die Stimmen aus einer anderen Welt. Aus einer Plauderwelt. Plüsch, Flip und Plopp. Mit ihrem Mann habe sie den Garten gemacht. Wie könne man anders bei dem schönen Wetter? Ich pflichtete bei, es stimme, das Wetter ziehe einen förmlich nach draussen. Sie stutzte unmerklich, ging aber nicht auf mich ein, sondern fuhr weiter: Ihr Mann habe es in den Knien, weshalb sie statt er auf die Leiter stieg, um das Gestrüpp himmelwärts zu schneiden. Und wie heiss es schon gewese
Caspar Reimer
29. Apr.3 Min. Lesezeit
Betrachtungen 4
Haltestelle An der Tramhaltestelle Helvetiaplatz klopft von aussen ein ehemaliger Nachbar an die Scheibe, hinter der ich sitze, gestikuliert heftig, und ich weiss sofort, was er fragt: Wie geht es dir? Und ich gestikuliere zurück: gut, gut! Und zwei Haltestellen weiter sind meine Hände immer noch nicht ganz ruhig. (Juli 1998) Haltestelle Sie hat Mühe beim Gehen, diese etwas üppige ältere Dame in ihrem gemusterten Sommerkleid von Vögele, aus dessen ku
Roland Müller
22. Apr.2 Min. Lesezeit


Bewerbungsschimmel und Phrasendrescher
Ich habe mich durchgemogelt. Irgendeiner fand sich immer, der mich einstellte. Und dies, obschon meine Bewerbung wirklich abgefickt war. Es haftete ihr etwas Modriges an. Sie gaukelte eine Lebenslinie vor, wo es keine gab. Ich log gewiss nicht, aber glaubte meinen eigenen Zeilen längst nicht mehr. Man könnte einwenden, es liege im Wesen der Bewerbung, auf gekonnte Weise Phrasen zu dreschen. Die Menschen stehen auf Stromlinienförmiges. Und es gibt in einer Bewerbung tatsächlic
Caspar Reimer
15. Apr.2 Min. Lesezeit
Betrachtungen 3
Kneipe In Erwartung des nächsten Biers zeigt sich die Zufriedenheit mit dem Leben in einfachster, schönster Form. Man trinkt und redet, und die belanglose Rede wird nicht von solcher unterschieden, die aufhorchen lassen müsste, wenn sie andernorts gesagt würde. (Mai 2018) Der Stammtisch ist das Miliöh, in dem man in der falschen Gemütlichkeit nach Feierabend verkauzt. (Juni 2018) Gartenwirtschaft Nein, es stört mich gar nicht, dass es in
Roland Müller
15. Apr.5 Min. Lesezeit
Betrachtungen 2
Balkon Der Wohnselige: Er kommt kaum noch weiter als bis zum Balkon. Doch, sagt er, noch höre er den Ruf der Ferne, er sei ja nicht taub. (2013) Nichts passt besser zu „Balkon“ als „einfach nur dasitzen“. Heute Abend Gewitter mit feinem Regen. Und dazu mein unbestimmter Blick, der einfach nur bei diesem Wetter ist - wie... wie das Wort bei Gott, denke ich, leicht schläfrig geworden. (2013) Ein junges Paar geht vor dem Haus vorüber. Er greift nac
Roland Müller
8. Apr.2 Min. Lesezeit
Der Rentner
Man sei so alt, wie man sich fühle? - Man fühlt sich doch immer irgendwie, bloss nicht in einem bestimmten Alter. (November 2014) Man schaut sich die Andern unterschiedlichsten Alters an und reiht sich dann mehr oder weniger energisch irgendwo ein: Man ist noch im Angebot. (Dezember 2014) Der bevorstehende Ruhestand Ich kann mir darunter wenig vorstellen, weniger noch als damals nach Schulabschluss unter dem „Ins-Leben-hinaus“. (Mai 2015) S
Roland Müller
25. März4 Min. Lesezeit


Die Steuererklärung
Neulich erzählte mir ein Freund, er fülle seit Jahren keine Steuererklärung aus. Zwar habe er sich vorgenommen, es in diesem Jahr zu tun, deswegen eine Notiz auf den Esstisch gelegt, doch wieder sei nichts draus geworden, er liess die Frist verstreichen. Der Freund zündete sich eine Zigarette an und fügte, wie um das Thema abzuschliessen, hinzu: «Und ist die Frist verstrichen, ist die Sache erledigt.» Ich war perplex und bekümmert über den Weg, den mein Freund eingeschlagen h
Caspar Reimer
7. Jan.2 Min. Lesezeit
Vom Kampf der Geschlächter (Teil 3)
Eine Freundin vertrat in einer Runde die Ansicht, es sei für einen Mann nicht statthaft, eine schöne Frau ungefragt länger als fünf...
Caspar Reimer
10. Sept. 20252 Min. Lesezeit


Scheibenkleister
Es war üblich zu der Zeit, dass die Menschen, unterwegs von einer Verrichtung zur nächsten, ein Gerät vor dem Kopf hielten. Ihre Augen,...
Caspar Reimer
4. Juni 20251 Min. Lesezeit


Was bleibt
Respekt. Das sei das Wichtigste. Man müsse immer Respekt haben vor anderen Menschen. Sie habe immer gesagt: Eine Welt ohne Respekt sei...
Caspar Reimer
30. Apr. 20251 Min. Lesezeit


Vom arbeitenden Volk (neue Version)
Jeder soll seine Mühsal selbst verrichten, vor der eigenen Tür wischen. Was in der Wohngemeinschaft gilt, hat am Arbeitsplatz gleich...
Caspar Reimer
22. Jan. 20252 Min. Lesezeit
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Fotos: www.pixabay.com
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