Der Taumel, zweiter Teil
II
Die Baugrube, Baugrube!
Der Nachbar hatte geklopft, stand auf dem Brett vor der Schwelle und schwenkte sein froschgrünes Käppi.
Warum? Erst sagen sie letztes Jahr, dann sagen sie nächstes Jahr, sagen Frühling und fangen jetzt an mitten im Winter!
Brettnabazapp! schwankte das Holz und schwang nach durch die heiseren Worte.
Er trat ein in die Stille, überschaute die Bücherwand, kicherte und langte nach einer verstaubten Fotografie. Schnaufte dazu. Das blosse Unterhemd rutschte ihm über den Bauch.
Erde müssen wir fressen, es kommt noch so weit, und selbst die Eulen fressen wir noch von den Bäumen.
Eulen? Du würdest Eulen fressen?
Der Nachbar setzte sich schwer an den Tisch, zeigte den Vogel und knipste ein Lämpchen an. Dabei fiel das Foto in den käsfarbenen Kegel.
Würde ich fressen, hehehe.
Von der Schläfe zog er sein Käppi und schob es über das Bild.
Hast du gesehen? Warst du heute nicht draussen?
Er fuhr auf, halb auf die Füsse, spotzte und stotterte, schwenkte die Arme wie Segel und heulte dazu. Swibidjumm, swibidjumm! Ich habs dir gesagt, alle Scheissläden kommen hierher! Shoppingmeilen! Einkaufstempel! Disneyländ!
Im weissen Unterhemd sägte und trötete er.
Wir bauen ein Mekka für Sie!
Auch Kinosäle wirds geben.
Multikomplexe! Popcornpaläste!
Wir bauen ein Mekka für Sie!
Mekka für Sie!
Er jonglierte mit seinem Käppi. Mekka für Sie, mekka-ka-ka!
Und auch ein Campingcenter.
Was ist das? Campieren sie da?
Ja klar, wir campieren für Sie!
Pi-pieren für Sie. Pi-pi-pi!
Pa-pa-pa!
Sie schnitten Grimassen.
Eine Tramstation steckte man aus über Bauern- und Ackerland eine Trasse genehmigt, Volk und alle Instanzen. Althergebracht und in Knitteln scheiterbeigenweise besungen die Scholle von einem Dichter-Stadtschreiber hundert Jahre ists her. Im Erstrat gelegt, im Zweitrat genickt. Zwei lange Schlaufen hin und zurück.
Der Nachbar strich eine Strähne aus dem Gesicht. Das froschgrüne Käppi lag wieder im Licht. Er schwitzte.
Alle Eulen sind tot.
Krähen sind das gewesen. Jetzt sind sie weg.
Swibidju, -juu! Die Arme schwenkten und kreisten. Eulen weg, Kühe weg, nichts mehr jetzt, swibidju! und er pfiff durch die Zähne dazu, bis sie lachten, um den Tisch herumstapften, krächzten und muhten, auf Stuhl und Schemel plumpsten und wie Espenlaub kicherten.
Weg! hihihi. Weg ist weg!
Der Nachbar, durch sein Unterhemd drückte ein nasser Fleck, ergriff noch einmal das Foto, streckte die Arme, hob es mit Daumen und Fingern wie an zwei Klammern empor, blies ein wenig darüber, strich den Staub weg, bis ein schattiger Teich darauf lag, ein Blickfang für den Betrachter. Seine Zunge stülpte sich über die Lippe und bewegte sich nicht von der Stelle. Aftershave lag in der Luft.
Indessen kochte er Tee für sich und den Gast. Im Winter gehörte sich Tee, das fanden sie beide. Nur einer nahm Milch, immer ganz gleich. So unterschied man sich wieder.
Der Gast hatte eine Zeitung vom Haufen genommen, blätterte durch bis zur Kultur. Schnalzte dazu. Nie las er etwas genau, stopte beim Sport und legte die Zeitung zurück. Von den flüchtigen Lettern blieb dies und das stecken in ihm. Das sammelte sich über die Jahre und mochte den Kreislauf des Blutes verdicken. Im Kühlschrank lag Kuchen.
Nimmst du Kuchen? -
Und sie rührten im Tee, streckten die Beine.
Wir zappeln im Netz.
Der Winter ist kälter als sonst.
Mir ist so schwindlig.
Wie ein Sägeblatt kreischte wieder der Nachbar. Swibidju, -juu!
Dann schwiegen sie lange. Assen mit kleinen Gabeln den Kuchen, nickten dazu. Und das war gut.
Swibidjumm! machte der Kühlschrank, mit einem Erschrecken, das brummend sich legte, swibidjubummr. Auf der Anrichte lag ein Stück Brot, um es einzupacken zütternd daneben ein Zeitungsblatt.
Gänsefüttern am Teich die sonnigen Tage Krumen um Krumen. Ein Fetzen Zeitung fliegt mit. Halluzini wie Flocken die Floskeln im täglichen Brot, Schlagzeilen stopfen den Hals und kriegen ihn dennoch nicht voll. Ein Catch rutscht mit in den Schlund. Halluzi durch die Schnäbel die Schnipsel gezogen vom blätternden Nachbarn ein Schuss Aftershave. Sie reissen sich um die Pappe und ersticken daran.
Zwei Zuckerlöffel rührten im Tee.
Er hatte Musik, stellte sie an, ein schönes Lied. Darauf folgte ein zweites. Sie verstanden es nicht, doch summten sie mit. Und teilten das letzte Stück Kuchen.
Ja, hinter dem Haus wird gegraben. Der Nachbar glättet das Käppi oder träumte er das. Wie ein Fischfang die Welt und wir zappeln im Netz. Sie lachen. Lege noch einmal was auf. Jamm-pa-pa - pamm-pa-pa. Und singen ein wenig. Mit dem Lied ging auch das Brummen des Kühlschranks zu Ende. - Bummr.
Der Winter ist kälter als sonst.
Beiläufiges viel. Am heilen Sonntag Kunstleder zuhause und Chips. Über dem sauberen Teppich der Kasten und die Hoffnung auf Sonne. Ein Spaltbreit das Fenster zum Balkon draussen pflügt eine Autokolonne das Wasser. Vater steht auf schlurft aufs Klo und zum Sofa zurück. Wer nicht rauchen darf, erschlägt eine Fliege. Man hofft und schaut in den Kasten und die Autos pflügen das Wasser.
Rühren im Tee und dem Sterben zuschauen, sagte der Nachbar. Dem Sog, dem kleinen Auftrieb. Zuletzt den paar Ringen im Teich.
Mit einem befeuchteten Finger tupfte er Krümel vom Tisch.
Als er ging, reichten sie sich die Hand. Das war gut. Er machte den Abwasch, putzte den Schrank. Das Brot packte er ein mit der Zeitung.

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