Der Mond
Sie tanzen auf dem Feld und trinken Milch. Sie strecken ihre Münder gen Himmel und der Mond schenkt nach. Er ist ein besonderer Barmann. Was die Menschen da trinken, ist Liebe und Menschlichkeit. Es gibt Drogen ohne Ende. Der Mond schaut so lieb, kaum einer sieht sich satt, manchmal zwinkert er, als wollte er ein Spässchen machen. Lasst uns feiern! Der Montag ist noch weit! Es herrscht Handyverbot. Wer sich erwischen lässt, macht sich unbeliebt. Früher erschoss man die Abweichler, aber nicht heute. Die Menschen haben gelernt, dass Gehorsam nichts Gutes, Gewalt keine Lösung ist, man ist fühlsam und belässt sich in Frieden. Deshalb gehen Männer von heute mit dem Kinderwagen spazieren. Auch der Chef ist gekommen, ganz bloss, das Geschäft ist ihm vom Leib gefallen. Stört es dich, wenn ich mit dir tanze? Nein keineswegs, wir sind alle gleich. Das Schweigen beginnt am Montag erst wieder und bis dahin bleibt Zeit. Der Chef müffelt, das macht ihn so menschlich, auch er leidet an der Digitalisierung und mag es nicht, wenn im Büro gesprochen wird. Er hat Angst vor jungen Männern, davor, dass man über ihn lacht. Im Gewerbeverein wird er gemobbt. Er sei ein Verlierertyp, Veganer obendrein. Weisst du eigentlich, dass ich nur so tue, als ob ich arbeite, stattdessen die Fingernägel schneide und Augenbrauen stutze? Ja, er wisse Bescheid, und gerade deswegen liebe er mich so. Ich bewundere dich. Dafür gibt’s einen Kuss auf die Lippen.
Ein Auto ist in die Menschenmenge gefahren. Der Chef ist tot und viele andere auch. Er ist bei Mutter auf Sonntagsspaziergang. Für sie ist das eine Institution. Ihr Gedächtnis hat nachgelassen, die Welt kümmert sie nicht mehr, doch am Sonntagsspaziergang gibt es nichts zu fackeln. Schon schlimm, was da passiert sei. Mutter schnaubt nur. Hinter dem Wald singen die Sirenen. Der Tag ist krank, der Himmel grau, eine Krähe steht auf dem Weg. Sie ist unfroh und mahnt zur Distanz. Mutter, lass uns woanders durchgehen. Früher hatte er Angst vor Vögeln. Vater spottete, er sei ein Homosexueller. In Venedig auf Familienurlaub flüchtete er vor Möwen und Tauben. Das ist besser geworden, doch die Krähe hier ist anders. Warum fliegt sie nicht fort, Mamma? Seine Eltern sind Verfechter der reinen Vernunft, sie traktieren seine Ängste mit Gerissenheit und Schärfe. Er stammelt, eine Kollegin sei neulich von einer Krähe verletzt worden. Das sei ein Omen gewesen. Die Krähe sei eine Botin des Todes, ganz besonders bei abnehmendem Mond. Mach kein Theater und lies Bücher! Als kleiner Junge hörte er nachts Stimmen aus Vaters Bibliothek. Sie lachten ihn aus. Manchmal stahl er sich ans Büchergestell und versuchte zu lesen, doch die Buchstaben spotteten Purzelbäume. Er begann zu kiffen. Seither machen ihm Texte Angst. Mutter nimmt die Krähe auf die Schulter und kichert bös. Warum tust du das? Vater hat Geschäfte getätigt und ist aus dem Gebüsch gekrochen. Er sagt, die Krähe sei eine Strafe. Mit solchen Taugenichtsen wie ihm wäre man nicht mal bis Polen gekommen! Mutter lacht. Haben wir es verpasst, unsere Jugend auf die Gefahren in der Welt vorzubereiten? Waren wir zu nachsichtig? Der Regierungschef zeigt sich betroffen. Er habe nichts gegen den Mond und es sei nichts dagegen einzuwenden, menschlich zu sein. Es sei auch nicht so schlimm, gelegentlich dem Hedonismus zu frönen. Es entspräche ganz dem heutigen Wertekanon und man vergesse nicht die hiesige Bierkultur. Mit Scheinheiligkeit komme man nicht weiter. Aber all das gäbe es nicht zum Nulltarif. Lieb sein muss verteidigt werden gegen jene, die es nicht sind.
Polizisten pochten an die Tür. Weswegen sie gekommen waren? Er konnte es nicht mit Sicherheit wissen. Hatte er doch längst den Überblick verloren. Leute, die von ihm zurückhaben wollten, was er sich erlogen, von ihm einforderten, was er versprochen hatte. Und die vielen kleinen Dinge, die er angestellt hatte. Nackt bis auf einen Lappen Unterhose gab es für ihn noch ein paar Sekunden zu schinden. Gierig auf einen letzten Kick zog er den Rest Koks durch die Nase, das schärfte Lust und Sinn, es griff ihn der Wahn, der Welten Dinge und den eigenen Untergang zu richten. Er machte Anstalten, den mit weissem Pulver verschmierten Geldschein zu verstecken, doch kein Möbel, kein Untersatz, kein Spalt bot Gelegenheit. Also zerriss der Irre den Zehner in Stücke und frass ihn.
Manchmal wünschte er sich, er hätte den Chef gerettet und sei selbst überfahren worden. Der Psychiater schliesst die Augen und nickt. An der Wand tropft die Uhr. Ob er Schuldgefühle habe? Ja, er glaube, dass der Attentäter es auf ihn abgesehen habe, auf ihn ganz allein. Das sei vorgezeichnet gewesen. Gäbe es ihn nicht, wären der Chef und viele andere noch am Leben. Wie könne er jemals wieder zulassen, geliebt zu werden? Die Uhr räuspert sich. Mach dich nicht lächerlich! Wer sollte auf die Idee kommen, einen Trottel wie dich zu lieben? Jetzt heult er auf und beisst sich die Fingernägel. Sie schmecken nach dem Chef. Sein Schädel wurde zerquetscht. Der Psychiater hat die Augen geöffnet und sieht geduldig hin. Lass die Gefühle fliessen, das tut gut. Ich finde das spannend. Die Uhr schaut zu, sein Blick fällt ab. Er sieht auf die Schuhe eines Mörders. Schuldgefühle von Überlebenden seien völlig normal. Wir nennen das Überlebensschuld-Syndrom. Es gehört zum Kreis der Posttraumatischen Belastungsstörungen. Das beste Mittel dagegen ist die Exposition: Der Psychiater greift in eine Tasche und holt die Krähe hervor. Sie ist deine Angst. Töte den Vogel! Das wird deiner Seele guttun. Er sieht hin, wringt sich aus. Wie es wohl wäre, ein Held zu sein? Nein, nicht jetzt. Es wird Herbst. Geben Sie mir einfach die Tabletten. Wie beim letzten Mal.
In den Strassen dunkelt die Angst. Ein Auto ist unterwegs, um ihn zu überfahren. Er möchte zum Bahnhof, doch eine Zittergestalt sagt, dieser sei gestorben. Geh nach Wernigerode! Dort gibt es noch einen. Die Dönerbude hat vierundzwanzig Stunden geöffnet. Man soll nicht mit leerem Magen sterben. Die Strassenlaternen singen, die Schaufenster ruhen. Nachtschwärmer versperren den Weg. Sie rauchen, stehen einfach da und betrachten ihn, als ob das selbstverständlich wäre. Habt ihr das Auto gesehen? Es will mich überfahren. Ihre Köpfe flackern, sie machen grosse Eulen. Wir wissen es nicht so recht. Möglich ist es, aber trotzdem nicht unwahrscheinlich. Das ist ihm zu hoch. Er entschuldigt sich und geht endlich weiter. Mit dem letzten Geld kauft er sich einen Döner. Beeil dich jetzt, dann erwischst du den Zug. Er rennt durch die Unterführung, rechts hinauf zum Bahnsteig und schafft es gerade noch, einzusteigen. Anfangs hätte er erwischt werden können, passierte ihn der Schaffner doch Schulter an Schulter. Es galt, in Bewegung zu bleiben. Er beherrschte das Geschick der Flucht exzellent, verteilte sich von Wagen zu Wagen, taktierte Zeiten und Wege. Er war Meister der Zerstreuung, dem Geschehen stets einen Schritt voraus, spürte die Gefahr und legte die Fährte am falschen Ort. Das trügerische Spülen der Toilette, wenn er glaubte, auf dem Gang die Stimme des Schaffners zu hören, der Blick in den Spiegel, das leere Portemonnaie, die längst abgetragenen Schuhe und jeweils die Einsamkeit bei der schalen Freude, gerade noch einmal davongekommen zu sein. Von den Fahrgästen, die in ihren Polstern sassen, plauderten und lachten, trennte ihn die ganze Welt.
Sie malen ihre Ängste und kneten ihre Wunden. Jeden Tag etwas Olivenöl in kreisförmigen Bewegungen einmassieren. Sie streicheln Blätter und Ziegen, sie atmen Sonnenlicht und spüren ihre Füsse auf der Erde. Das tut gut. Sie erzählen, wie es ihnen geht. Alle sind lieb zu ihm, die Bäume lassen das Laub, die Stille lädt ein. Achtsamkeit bedeutet, den Fokus ins Hier und Jetzt zu lenken. Neulich hat der Psychiater bei der Sitzung gegähnt. Das hat ihn verletzt. Er fühlte sich nicht ernstgenommen. Als Kind habe er viel Kälte erfahren. Es hiess, er bringe es zu nichts. Sagte er etwas, verwarf Vater die Hände. Der Psychiater hat sich fürs Gähnen entschuldigt. Jetzt gehe es darum, negative Gedanken zu überwinden, wieder ins Handeln zu kommen, eigene Ressourcen zu stärken und Selbstwirksamkeit zu erfahren. Auch auf dem zweiten Arbeitsmarkt gibt es interessante Tätigkeiten. Es ist wichtig, im Leben eine Aufgabe zu haben. Den Rest machen die Tabletten. Er sitzt in seinem Zimmer. Der Mond kommt zu Besuch. Lass dir nichts vormachen von den anderen. Du bist besser als sie. Er gibt ihm einen Kuss auf die Stirn und fliegt zurück an seinen Platz.
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