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Die Verwandlung

vor 2 Tagen
2 Min. Lesezeit

Ausser sich, statt in den eigenen Gedanken zu leben, hat seinen Reiz. Die neue Arbeitskollegin hatte ihm gezeigt, wie das geht. Sie plauderte unentwegt und er plauderte zurück. Bevor sie zum Team gestossen war, hatte er zwar bereits mit Kollegen geredet, aber freilich noch kaum geplaudert. Der feine Wandel in der Art, wie oder worüber man sprach, zeitigte eine spürbare Geselligkeit. Ihm schien zuweilen, als käme da etwas an die frische Luft, was zuvor verschlossen war. Das ist aber nicht Ende, sondern Anfang der Geschichte: Bei allem lieb sein, bei aller Geselligkeit, dufte der Schriftsteller in ihm keinesfalls verloren gehen. Diese Gefahr bestand real, spürte er doch abends stets, nachdem er einen ganzen Tag ein ganz normaler Mensch gewesen war, wie etwas von ihm abliess. Das tat ihm gut, ängstigte aber zugleich: War er gerade dabei, wie Nietzsche es ausdrückte, in Geselligkeit zu flüchten, weil er die Stille, das Denken nicht mehr aushielt? Was waren das für Zeiten, als er am Fenster gesessen war, die Krähe am kahlen Ast im Himmelsgrau, er dem Klicken der Sekunden horchte, Stunde um Stunde, und darauf wartete, dass ihm ein Satz gelänge? Als sich in seiner Mansarde Unerledigtes türmte, weil ihm Alltägliches zuwider war? Musste er doch einmal das Zimmerchen verlassen, legte er sein Ohr an die Tür und wartete ab, bis er sicher war, dass ihm im Treppenhaus niemand begegnen würde; alltägliche Menschen, trottend in ihrem Hamsterrad, waren ihm ein Graus. Er, dem die Existenz Lebensinhalt war, brauchte keine verordnete Tagesstruktur, brauchte keine Beschäftigung, keine Teilhabe. Das Gefühl, dem Lärm der Zeit entronnen zu sein, schuf ihm eine existenzielle Dringlichkeit. Sein Leben hatte Gewicht. Und heute? Er plauderte mit Kollegen, streichelte den Hund im Büro, meldete sich bei Sitzungen zu Wort. Neulich sah er abends in den Spiegel und erschrak ob seinem Anblick: Er sah aus wie ein ganz normaler Angestellter. Er ging ins Bett und weinte.

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