Die kleine Kneipe
- Caspar Reimer
- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Er sass an der Theke und blickte ins Glas. Die Zeit hatte er längst vergessen und der Barmann hörte ihm zu: Das Zertrümmern von Schaufenstern und das Abfackeln von Autos sei zwar in Ordnung, zeitige aber keinen umstürzlerischen, sondern, im Gegenteil, einen systemerhaltenden Effekt. Der Spiessbürger brauche schliesslich die Chaoten zur Selbstvergewisserung und auch den Bullen freuts, kann er doch endlich wieder mal die Sau rauslassen. Solcherlei hatte er damals, spindeldürr, grün hinter den Ohren und vollkommen verloren im Leben, irgendwo auf einer in Deutschland längst verbotenen Internetseite gepostet. «Würde ich das heute wieder so schreiben? Ich denke, nein.» Sagte es, lachte und knallte seinen Gin auf die Theke dieser Bar im äussersten Zipfel Dunkeldeutschlands. «Gerne noch einen.» Der Barkeeper kam und schenkte nach. Als junger Mann sei ihm alles, was eine Uniform trug, ein Graus gewesen, ein Faschist, eine Puppe, die Befehle empfing. Mit seinen Ansichten habe er die wenigen Leute, die etwas von ihm wissen wollten, verängstigt und in die Flucht getrieben. Er habe von einem Aufstand geträumt, einem Signal am Vorabend der Revolution. Die Bruderschaft der Nacht habe seine Fantasie gekitzelt, und dies, obschon er im Grunde völlig allein gewesen sei. «Ich war allein. Allein in Ablehnung und Hass.» Jetzt prostete er dem Barkeeper zu und fuhr weiter: Damals habe er die Gesellschaft verachtet. Das habe schon in der Schule angefangen, als er einmal auf dem Pausenplatz sass und den anderen zusah beim Fussballspiel. «Das war das erste Mal, dass ich diesen Hass spürte. Dieses äffische Gehabe, es widerte mich an.» Der Barkeeper wischte müde die Theke und fragte, ob es heute besser sei. Er lachte wieder und sagte, als wolle er beschwichtigen: «Das ist lange her. Heute hasse ich nichts und niemanden mehr. Nicht einmal mich selbst.» Einen Moment herrschte Stille. Draussen fuhr ein Auto durch die Nacht. Es hatte geregnet und die Scheinwerfer sprenkelten den Asphalt. Im Radio sang Helene Fischer darüber, das Schweigen zu brechen. Er kicherte in sich hinein, schüttelte den Kopf, kippte einen Schluck, studierte die Flaschen, die da säuberlich hinter der Bar angeordnet standen, und peilte die Fortführung seines Gedankengangs an: «Und genau das macht mir Sorgen.» Bitte? Er habe an Gewicht zugenommen, habe ein regelmässiges Einkommen, stemple jeden Morgen bei der Arbeit ein und das Verrückteste sei: Es störe ihn gar nicht mehr. «Früher hätte ich mich einfach geweigert, irgendeine Karte an eine stupide Stempeluhr zu halten. Ich hätte den Bettel hingeworfen und wäre davongelaufen. Ja: Das war noch Freiheit.» Er sei nachsichtig geworden mit den Spiessern und über seinem Bürotisch hänge ein Kalender mit Katzen drauf. «Wo ist die Rebellion geblieben? Verpufft, weg. Was jetzt kommt, ist Gemütlichkeit. Gemütlichkeit bis ins Grab. Bitte noch einen.» Er spürte gerade noch, dass der Moment gekommen war, sich etwas zurückzunehmen, bedankte sich freundlich, als der Barkeeper nachschenkte. Er war schon längst der einzige Gast in dieser gottverlassenen Kneipe am äusseren Ende der Seepromenade, dort, wo das Industriegebiet begann. Die Brandung, die Gedanken von Leben und Welt, hatten ihn an diese Theke getrieben. Er sinnierte ruhig, trank und schwebte im Karussell. Er dachte an die Lichter am Weihnachtsmarkt. Eine Stimme, wie ein Schatten im Wachtraum, sagte: «Aber ist doch schön, wenn es ihnen heute besser geht. Die Welt ist halt so, wie sie ist. Ewig gegen etwas rebellieren, das man nicht ändern kann? Das bringt doch nichts.» Er seufzte ob sich und der Welt. Er holte einen Schein aus dem Geldbeutel und legte ihn auf den Tisch. «Das stimmt so.» Er schwankte zur Tür, hielt inne. Drehte sich noch einmal um. Er hob den Zeigefinger, sah den Barmann an und sagte: «Aber Leute mit Uniformen, die mag ich noch heute nicht.» Der Barmann sagte, die möge er auch nicht so. Unter gemurmelten Worten öffnete er die Tür und schritt hinaus in die Nacht.

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