Lieb sein
Wie schön wäre es, könnte man einfach und immer nur lieb sein. Ja, lieb sein. Das ganze Leben lang! Und würde umgekehrt diese Liebe erwidert, Respekt und Anstand wieder etwas bedeuten: Wir lebten in einer wundervollen Welt und alles wäre gut. Eine schöne Idee, gewiss, doch leider ist ihr die von schlechter Kinderstube geprägte Zeit nicht wohlgesonnen. Da hat sich einiges geändert in den letzten Jahren. Beispiel gefällig? Früher gab es für jenen, der Erste Klasse im ICE der Deutschen Bahn reiste, einen Herzkeks. «Unser Lieblingsgast», stand auf der Verpackung. Eine schöne, wertschätzende Geste. Die Kekse gibt es zwar noch, doch würden sie nicht mehr zuverlässig an die Fahrgäste verteilt. Wo ist die Liebe zum Kunden, die Sorgfalt bei der Arbeit geblieben? Ein Fahrgast, gross geworden in der guten alten Zeit, lieb und immer zum Spass aufgelegt, fragte die Dame, welche ihm das Mittagessen vom Speisewagen an den Platz gebracht hatte: «Bin ich nicht mehr ihr Lieblingsgast?» Die junge Frau hatte den Wink verstanden, entschuldigte sich, eilte schleunigst und brachte dem Spassvogel seinen Keks. Dabei lächelte sie stets und versöhnte den Mann für den Moment wieder mit der Welt. In diesem Fall kam der Kunde zu seinem Recht, doch: Warum müssen solche Gesten der Dankbarkeit und Wertschätzung, die früher selbstverständlich waren, heute eingefordert werden? Woran mangelt es? Auch bei anderen Unternehmen zeigt sich eine Verrohung der Sitten, lässt die Qualität mehr als zu wünschen übrig: War der Kunde einst König, bleiben Anfragen heute unbeantwortet, sind Mitarbeitende kaum der deutschen Sprache mächtig, duzen ungefragt oder man wird an eine Maschine verwiesen. Auch der Umgang untereinander ist nicht mehr das, was er einmal war: Wer macht einer alten Dame im Tram noch Platz? Wer fühlt sich noch sicher im eigenen Land? Ich komme nicht umhin festzustellen: Wir bewegen uns auf einen Abgrund zu! Und der ist gar nicht lieb…
Kommentare