An der Welt leiden
- Caspar Reimer
- 8. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Wer sich an Bratwurst und Kartoffelsalat zu erfreuen weiss, steht mit beiden Füssen im Leben. Oder ist er doch schon halb tot? Ich schrieb einmal, wie mir gerade in den Sinn kommt, das Leben sei eine Aneinanderreihung von Zuständen. Bei mir zeigt sich das ausgeprägt, ist zuweilen anstrengend. Oder letzte Woche berichtete ich von den Bruchstücken, aus denen mein Leben besteht – jedes für sich mit eigenem Empfinden. Für welchen Zustand also steht die Bratwurst mit dem Kartoffelsalat? Für eine gewisse Genügsamkeit vielleicht? Man ist vollauf zufrieden, dankbar und mit der Welt im Reinen.
Es gibt Menschen, die ertrage ich in bestimmten Zuständen schwer, in anderen dagegen bestens. Ich kann dem Zusammensein mit ihnen ein Gefühl abgewinnen, das vielleicht mit Fröhlichkeit zu beschreiben wäre. Hier passt die Bratwurst mit dem Salat. Fröhlichkeit – ich spreche nicht von Glück oder Ektase – bedingt doch eine gewisse Genügsamkeit, oder nicht? Damit wären wir also beim Zustand, der zu dieser Mahlzeit passt und in der Summe wohl als eine Art Zufriedenheit zu bezeichnen wäre. Der grosse Haken an der Sache: Die Unschuld und übrigens auch seine Fröhlichkeit behält der Zustand nur, wechselt er sich mit anderen ab, erstarrt das Leben jedoch in ihm, wird die Luft stickig, es wird eng. Welcher Mensch möchte sich selbst und die Welt schon in nur einem Zustand erleben, über alle Lenzen hinweg? Mir scheint das unfassbar öde, es ist ein Wahrnehmungsgefängnis: das Terrorregime des zufriedenen Biedermeiers. Wer seinen Zustand nicht wechseln, nicht vervielfältigen kann, wird, freilich unbewusst, Wege finden, Dampf abzulassen. Bratwurst mit Kartoffelsalat ist per se nichts Schlechtes, doch haftet der Mahlzeit, so wie ich sie wahrnehme, eine gewisse Spiessigkeit an – ich sehe schon die Schweizerflagge am Balkongeländer hängen und im gesteigerten Verlauf den Mann mit dem Fernglas Falschparker aufschreiben oder grölende Jugendliche vom Fenster aus mit faulen Eiern bewerfen. Was bleibt ihm anderes übrig? Sein Blick ist verengt, die Zufriedenheit vergärt. Oder er ist schon halb tot.
Diese Gefahr lauert bei mir nicht. Ja, manchmal geniesse ich sie, die Genügsamkeit und natürlich die Fröhlichkeit. Sie gönnen mir eine Pause im Wahrnehmungsstress. Das tut gut. Gerade für den kreativen Freiberufler ist es wichtig, zwischenzeitlich wieder Blut und Boden zu spüren. Man ist nachsichtig, gesellig, sogar lieb. Der Wechsel des Zustandes, dem das Wesen nachspürt, kündigt sich subtil an, die Welt verändert Farbe, Geruch. Das Licht verschiebt sich. Es ist ein anderer Atem. Vielleicht wird es nicht so schlimm, doch man hat geahnt: Der Besuch lässt sich über Neger, Messerstecher und andere Ausländer aus. Unwidersprochen am Mittagstisch bei Ostergedeck. Mein Zustand wechselt schlagartig: Der Magen dreht sich um, plötzlich verachte ich den Kartoffelsalat und die Wurst mit dem Gefühl von Ekel und Verzweiflung, ich hasse die dümmliche Fröhlichkeit, wünsche den Spiessern aller Welt nichts weniger als den Tod! Ich reagiere auf Rassismen äusserst empfindlich. Der neue Zustand entspricht einer Art von Verzweiflung, wie sie ein Terrorist, lange bevor er zuschlägt, empfinden mag. Aus Verzweiflung wird Hass, der Hass führt zur Tat (freilich kann und soll man sich immer anders entscheiden). War ich zuvor noch aufgehoben in der Welt, sogar in der Gesellschaft integriert, hat mich die Meute nun ausgekehrt. Ich schwebe atemlos und leide am Menschen. Es geht an die Existenz. Wieviel kann ich noch ertragen? Und: Bin ich der Einzige oder verkehre ich einfach mit den falschen Leuten? Nachts lag ich im Bett mit nackten Rassisten. Sie drohten mir mit dem Tod, sollte ich mich verwehren, mit ihnen Liebe zu machen. Ein Schrei weckte mich aus dem Schlaf.
Dieser Zustand, den ich hier die terroristische Verzweiflung nenne, brachte mich beim letzten Mal knapp um den Verstand, doch bevor das geschah, war ich erstarrt. Die Welt wurde bleiern. Ich stellte mich tot. Ein neuer Zustand, und ein hässlicher obendrein. Es wäre die Depression. Entweder täglich zwei Flaschen Rotwein oder der Strick nach dem Sonntagsspaziergang. Nun erweist sich meine Wesensart, die Wechselhaftigkeit, als Vorteil. Tags darauf stand ich auf dem Balkon, spürte die erste warme Nacht des Jahres, wie sie über die Felder zu mir hinzog. Die Sterne blickten mich an. Mein Gram löste sich. Plötzlich überkam mich das Abenteuer.

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