Der Bügel des Brillengestells
- Daniel Costantino
- 4. März
- 4 Min. Lesezeit
Wenn ein Bügel des Brillengestells die Uhrzeit des Weckers verstellt, wie soll man das beschreiben? Soll man das überhaupt beschreiben? Bringt einen das irgendwie weiter? Zwar tönt es recht verrückt, andererseits muss so viel langweilige Realität gesagt und gezeigt sein, damit das Verrückte sich erst herausschälen und Kontur annehmen kann, denn einfach so das Verrückte behauptet, dass ein Bügel des Brillengestells die Uhrzeit verstelle und garnichts weiter, wirkt höchst unglaubwürdig, wer glaubt schon ein zeitentstellendes Brillengestell - es muss also erst das jedem Sichtbare und tausendmal Gesehene noch einmal vor die Nase gesetzt, also gesagt sein, was ist und unbestreitbar ist, vor den eigenen Augen ist, wie es ist, so dass jeder sagen kann: so ist es, genauso ist es! und nicht nur gesagt, sondern auch gekonnt sein, man muss das können, das ist eine sprachliche Herausforderung, die Realität interessanter zu beschreiben, als sie nun einmal leider ist, ohne sie irgend zu verfälschen oder dergleichen, das ist ganz wichtig.
Es steht da zuhause eigentlich nur ein Tisch, ein Ess- und Stuben- und Nachttisch, alles in einem bei mir, hundskommun. Und da steht der Wecker drauf und hat zwei Zeiger, und ich liege bei Tagesanbruch im Bett. Der Wecker zeigt auf halb acht oder zeigt zwanzig vor sechs. Das weiss ich noch nicht. Und nun ragt dieser Bügel des Brillengestells wie ein dritter, grosser Zeiger in den Wecker hinein, ein Bügel der Brille, die ich verkehrt herum auf den Tisch gelegt habe, so dass sie nun sozusagen alle zweie von sich streckt und mit einem in den Wecker hineinragt. Kann man sich das vorstellen?
Es ist vertrackt mit solchen Beschreibungen. Sie laufen mir immer aus dem Ruder. Dabei geht es ja nur darum, dass ich nicht gerne mit der Brille auf der Nase einschlafe. Jedenfalls nicht nachts.
Aber man muss das Vertrackte immer im voraus beschreiben, damit das Eigentliche, weil es sonst übersehen würde, gezeigt werden kann, nur so empfängt es seinen Sinn, seinen Widersinn, seinen Unsinn.
Den Wecker also auf den Tisch und die Brille verkehrt danebengelegt - verkehrt natürlich nur im ganz konventionellen Sinn, versteht sich, es gibt keine strengen Regeln, wie eine Brille auf den Tisch gehört - bevor ich am Abend ins Bett gestiegen bin undsoweiter, ich will mich nur ans Wichtigste halten, an die Würze der Kürze, nicht wahr, streng an das, was vor meinen Augen geschieht, und nicht vom Hundertsten ins Tausendste kommen.
Frühmorgens drehe ich mich nach dem Wecker, um zu sehen, ob ich schon aufstehen muss. Vor so viel Profanität könnte ich mich eigentlich auch gähnend auf die andere Seite drehen und noch einmal in den Traum zurückfallen, in dem es übrigens Winter war, tiefer Winter. Das weiss ich noch, obwohl es viel zu warm war für die Jahreszeit. Auch das war mir igendwie klar. Es hat die klirende Kälte gefehlt. Gewiss hätte es vor zwanzig Jahren noch geschneit in einem solchen Traum, aber wer träumt denn heute noch von einem gesunden Klima. Hätte meine Grossmutter von derselben Landschaft geträumt, sie hätte sich mitten in strotzender Kälte befunden. Sie hätte noch Eiszapfen unter der Kappe gehabt. Wenn endlich etwas los wäre mit dir, wäre das die Gelegenheit, etwas übers Klima zu schreiben, und über das Leben einer Grossmutter, der Herr schenkt dir die Themen im Schlaf, und endlich statt an deinem Brillengestell zu kritzeln einen vernünftigen Beitrag zum Frommen der Gesellschaft zu leisten und ihr etwas von dem zurückgeben, was sie in dich Elenden investiert hat.
Ja, so sprech ich manchmal mit mir.
Ach, die sollen ihr Klima doch selber flicken. Vom Zifferblatt wollt ich reden und vom Zeiger, der nur so tat, als wäre er einer, und den ich, und gewiss viele andere, wären sie in meiner Lage des Aufwachens gewesen, für die bare Realität statt für einen Bügel des Brillengestells gehalten habe. Und ebenso folglich seine Zeitangabe, seine gefakte Zeitangabe. Die stand, bei Tagesdämmerung! auf zwei Uhr.
Gut, man kann sich mit zwei normalen Zeigern einer Uhr schon täuschen, halb acht oder zwanzig vor sechs, und bräuchte sich nicht zu verwundern, dass es nicht wie bei Weckern und Volksabstimmungen nur zwei Möglichkeiten der falschen Wahl gibt auf Erden.
Ich aber war nun so verblüfft ob dieser Zeit, die mir der Wecker wies und die ich im ersten Moment wegen des ins Zifferblatt hineinragenden, ja geradezu hineinstechenden Brillenbügelzeigers für die einzig richtige hielt, dass ich zwischen Verblüffung und Entdeckung des wahren Zusammenhangs jählings aus den Bettfedern hochfuhr und mich furchtvoll umsah im Raum und es mir scheinen wollte, eine so vollkommen aus dem Rahmen fallende Zeit, die mir bei Tagesdämmerung auf zwei Uhr stand, man stelle sich vor, bei Tagesdämmerung! auf zwei Uhr stand, aber so verbogen, als hinkte sie am Stock ins Zifferblatt hinein wie ein verknitterter Greis, mit dem Buckel auf zwölf und mit der Hand am Stock auf Schlag zwei Uhr hinunter, bekäme nichts mehr von der Welt da draussen mit, eine ins Zifferblatt wie in ihr eigenes Zeitrad hineinstöckelnde und sich zuklappende und so sich selbst entweichende, vergreisende, sich beispiellos dabei verkrümmende und vertaktende Zeit im Raum müsse das Ende der Welt bedeuten und somit auch meines, jetzt, jetzt gleich ist alles zu Ende, du kannst gerade das noch denken und dann ist Schluss. -
Hat man gemerkt, dass ich zwischendurch in der Vergangenheit gelandet bin mit meiner Geschichte? Ich habs erst gemerkt, als sie schon fertig war. Eigentlich hat sich alles in der Gegenwart abgespielt, im echten Leben, in dem ich nun mit beiden Füssen wieder stehe, wie man so sagt. Vielleicht hab mir und meiner Geschichte ja so den Schrecken genommen, die schreckliche Pointe, und jetzt ist es zu spät, so zu tun, als wäre ich immer noch so erschrocken - oder sagt man erschreckt? Ich müsste den Schrecken vom Untergang der Welt jetzt erlügen, erlügen und erstinken, den erstunkensten Aushang am Kiosk könnte ich daraus machen, wenn etwas los wäre mit mir. Stattdessen bleibt mir nur die Hoffnung, immerhin glaubwürdig zu schreiben. Und der Glaube, dass das, was ist, immer auch noch ein wenig das ist, was war. Und nicht nur, was war, sondern ebenso das, was wäre und sein - und gewesen sein könnte.
Auch das Verrückte ist nicht einfach zu erklären. Bis man das hat!

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