Die Garage (Teil 1)
- Daniel Costantino
- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit
I
Das Garagentor war wieder nicht eingerastet. Aber beim Abschliessen hatte er das Schloss doch kontrolliert, hatte am Griff nachgefasst und der war, wie er sein sollte, blockiert gewesen. Merkwürdig, in letzter Zeit kam das immer wieder vor. Er verriegelte die Garage und prüfte nach, und wenn er ein paar Tage später wieder davorstand, fand er, dass jedermann sie ohne Schlüssel hätte öffnen können. Entweder spielte ihm jemand mit einem Nachschlüssel einen Streich oder er kontrollierte eben doch nicht richtig, bildete sich gar nur ein, am Griff nachgefasst zu haben. Er hätte eine Strichliste führen müssen, um ganz sicher zu sein.
Zum Merkwürdigen gehörte aber auch, dass er sich leichtfüssig, beinahe schwebend bewegte, wenn er sich der Garage näherte, seine steifen Knie zum Hüpfen froh sich anfühlten und ein feenhaftes Wesen in ihm auflebte, ein Geschöpf, das aus einem Garagenschloss ein Ritterschloss zauberte, vor dem es rauschend und tänzelnd Einlass begehrte.
Er öffnete das ächzende Tor, eine riesen Pralinenschachtel, von der sich der wacklige Deckel hob. Einen Moment lang war er verwirrt, dann stand wie aus der Tüte geschlüpft sein Auto da, von der Art eines schwarzen, bauschigen, etwas verdutzten Eichhörnchens, stand breitbeinig an seinem Platz wie immer. Auch sonst schien sich nichts verändert zu haben. Hinter dem Auto, schräg zwängte er sich seitwärts zwischen Rückspiegel und baumelndem Torgewicht an einer geschlossenen Pfote des Eichhörnchens vorbei, wandten sich zwei Stechpaddel in der Ecke einander zu, schlanke Modelle, die er einmal in Belgien auf einem Flohmarkt günstig erstanden hatte. An der hinteren Wand war die Werkbank aufgestellt mit ihren zahllosen Utensilien und in der andern Ecke lagen fünf Winterreifen aufeinander und kauerten, halb von einer löchrigen alten Wolldecke überdeckt, ein paar Kanister Reservebenzin. Einem Büchergestell, das er in die Wand geschraubt hatte, erwuchs eine Sammlung verschmierter Konservendosen dreistöckig Stück für Stück übereinandergeschichtet, und ein Bodenwischer aus Holz, ein ausrangierter Flaumer mit roten Zotteln, die ihm dick und staubig am knöchernen Stiel herabhingen, war hinter einer Reihe zerbeulter Büchsen zur Seite gerutscht und lehnte sich dürr wie ein schlechtfrisiertes Weib an den Reifenstapel.
Aus früheren Ruderzeiten hing sein Boot um Haaresbreite über dem Autodach an der Diele, von einem komplizierten System starker Taue und Stangen und einer schiefen Winde gehalten, was er alles jetzt ein bisschen nachjustierte wie jedesmal, bevor er das Auto bewegte, ausserdem lagerte sich überall auf dem Boden voller Ölpfützen, die meist noch von seinen beiden nun verkauften Motorrädern stammten, einiger Krempel aus dem Estrich in seinem Hause, den er für andere Dinge hatte freimachen müssen, zu hohen, instabilen Haufen an.
Dem allem hätte der Garagenvermieter einen Riegel geschoben, wenn er davon gewusst hätte, denn laut Vertrag waren nur das Auto und gerade noch das hängende Boot erlaubt. Weil Sie es sind! hatte der Vermieter gesagt und mit dem Kopf gewiegt. Nicht er konnte es sein, der hinter seinem Rücken in die Garage ging, er hätte sie ihm auf der Stelle gekündigt. Aber vielleicht hatte sich ein Junge aus der Nachbarschaft eingeschlichen, ein wortkarger, leicht autistischer, handwerklich aber sehr geschickter Schlaks, der ihm ab und zu ein wenig zur Hand ging. Der war bestimmt im Stande, sich einen eigenen Schlüssel zurechtzufeilen. Nun, es musste eine Strichliste her, sagte er sich und schaute zum Ruderboot hinauf, ob er sie dort an einem Streben werde befestigen können. Dann fiel ihm ein, dass es eine nutzlose Sache wäre, dass er die Liste ja draussen brauchte, wenn er das Garagentor schloss und den Kontrollgriff machte. Es war ihm, als hätte er das alles schon einmal erwogen und wäre an genau diesem Punkt nicht weitergekommen.
Wieder fühlte er sich elfenhaft. Er sah, wie das Garagentor in den Knien wippte und sich freundlich zu ihm herabneigte. Freudig sprang er auf, wurde emporgehoben, fing an zu tanzen und sich auf dem Garagendach im Kreise zu drehn.


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