Die Garage (Teil 2)
- Daniel Costantino
- vor 6 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
II
In den Keller hinab führte ihn hernach der Weg, nachdem er ein wenig Atem geschöpft und sich von einer Schwindelattacke erholt hatte. In den Keller hinab musste er nun steigen, wo breitbeinig und schwarz das Eichhörnchen stand, das ihm so treue Dienste erwiesen und ihn durch ganz Europa gefahren hatte, ohne je eine Panne, ohne je das geringste Aufbegehren. Viele Gegenstände im Keller zeugten davon, der allerdings ein wenig aussah wie eine Garage, vielleicht sogar die Garage war, die er vor Zeiten einmal gemietet hatte und die ihm aus fadenscheinigen Gründen gekündigt worden war, oder wie sein Estrich, den er mit einem Nachbarn teilte, es durfte nach dem Kriege niemand mehr einen Estrich für sich alleine haben, es gab zu viele Rückkehrer aus den Kolonien und viel zu wenig Estriche im Land. Doch spielte es keine grosse Rolle, denn es war ja alles da, wo es hingehörte, alle Erinnerungen von seinen Reisen mit dem Auto: die braunen papierenen Säcke voll Sand aus der Camargue unter den Torgewichten, recht zusammengedrückt, damit sie stabil standen und nicht zu hoch, die Gewichte mussten noch frei in der Luft baumeln können bei offenem Tor, so wie auch er halb in der Luft baumelte nun, nahe dem Ruderboot und einem Wimpel mit Eselsohr, der hoch an der kahlen Wand haftete und den ein schöner Schriftzug zierte und ein paar lustig karikierte, gegen den Winkel zu vom Eselsohr weggeknickte Automobile, ein Souvenir eines Oldtimertreffens im früheren Ostblock, drei Jahre hatte man seinerzeit auf das Plazet des dortigen Ministeriums warten müssen; viele andere Wimpel, die zu flattern begannen und sich von der Wand lösten, bunte Fähnchen, die sich aufrollten und mit ihm an die Diele hinan stiegen.
Das Boot wich freundlich zur Seite und bildete einen geringelten Teich voller Schilf aus seinen Spanten, stiess die Garagenwände, als wären es Böschungen seines Ufers, weit in die Ferne, Tüchlein streiften wie Dünste an ihm vorbei zum blauen Himmel hinauf, wie gestalthafte Fetzen über dem Teich, schwebten weiss und grünlich wieder herunter und in regenbogenen Farben durch ihn hindurch und landeten unten auf den gestapelten Reifen und verstreut auf einem Ablagebrett knapp über dem Boden. Aus der Höhe schaute er auf die übermalten Bleche früherer Autos hinunter, die er gefahren hatte, auf eingefettete Zylinder, auf diverses klobiges Zubehör, das nirgends mehr erhältlich war, und auf die mövenfarbene Haube eines Cabriolets.
Am liebsten hätte er alles zwischen die Krallen genommen, auch was hier und dort im Dunkeln lag, im Schatten unter seinen Fittichen, der Werkbank gegenüber an einen Amsterdamer Strassenpfosten von der Form eines mächtigen Phallus geschmiegt, vieles von der Wolldecke schlecht und recht verdeckt, die auch das Reservebenzin barg, dessen Lagerung polizeilich verboten war.
Dann fand er den Lichtschalter nicht. Meinte er wenigstens. Er war sich nicht mehr sicher, ob es eigentlich einen gab. Manchmal brachte er die Dinge durcheinander. Vorallem wenn ihm schwindlig war wie jetzt. Immer wieder musste er durch einen Sumpf waten in diesem Zustand, von bellenden Schlagzeilen wie von Pistolenschüssen verfolgt, Krüppelstöcke kamen von Felsen ihm entgegen und versuchten auf ihn einzuprügeln. Wollte er schreien, versagte ihm die Stimme, wollte er um sein Leben rennen, kam er kaum vom Fleck. Er sah sich von weit oben schlafend im Bett, er hörte einen Wecker schrillen und merkte, wie jemand die Wohnungstür aufknackte, das Schloss erbrach, und wie man ihn forttragen wollte wie eine Leiche und in einen Fluss schmeissen und den schrillenden Wecker zerschmettern. Aber es war nicht Nacht, es war Tag, und er befand sich im Keller oder in einer Garage, die ihm einmal aus fadenscheinigen Gründen gekündigt worden war.
Er musste sich angewöhnen, die Dinge ruhiger und sorgfältiger durchzudenken. Er stand auf dem schwankenden, ölverschmierten Boden und betrachtete den grossen Pokal aus England auf einem Wandgestell, den er für seine Ausbildung zum Rollce-Royce-Chauffeur erhalten hatte, die kleineren aus Norwegen und Finnland daneben, von Rundfahrten und Oldtimerrallies durch Skandinavien, fand hinter dem zerknitterten Vorhang, der vor die unteren Tablare gespannt war, Trophäen aus Italien und Spanien, sogar aus Marokko. Die Sammlung wies einige Lücken auf, vielleicht, er wusste es nicht mehr genau, hatte er einiges davon diesem Jungen geschenkt, der ihm hie und da in der Garage zur Hand gegangen war. Nun war er gestorben oder in ein Heim gesteckt oder anderweitig nicht mehr da, man wusste nichts Genaues.
Mit einem Daumendruck auf den Schlüssel wollte er die Autotür öffnen, aber das funktionierte nicht, die Elektronik war tot. Er fingerte am Schlüssel herum, es gab da ganz viele Tasten und Knöpfe, teilweise mit Zahlen von eins bis zehn, rote Knöpfe, grüne Knöpfe, jeder mit einem besonderen Zeichen drauf, Tastaturreihen wie Sternenansammlungen, auch einen ziemlich grossen, viergeteilten Knopf ungefähr in der Mitte, in jede Himmelsrichtung zeigte ein Pfeil in die Weiten des Raums. Überall drückte er drauf und wartete auf das klickende Geräusch in der Autotür, aber es blieb jedesmal aus. Die kleinen Tasten drückte er ganz sorfgfältig, sie waren für seinen Daumen fast zu klein, wer konstruierte auch solche unpraktischen Tasten, die für einen gewöhnlichen Daumen zu klein waren, was für ein Blödsinn. Er fluchte. Dann nahm er den Zeigefinger zu Hilfe, nestelte mit ihm am Gerät herum und stocherte sogar mit dem Nagel des kleinen Fingers in den winzigen Zwischenräumen der Tasten, fuhr in die Kanten, drehte und schüttelte den Schlüssel und fing fluchend noch einmal von vorne an, ihn lückenlos durchzuzappen. Er kam mit allen Fingerübungen und seinem Geschimpfe nicht weiter, nie machte es klick in der Türe, und am Türgriff herumzumachen, nützte auch nichts. Es gab nirgends einen Schlitz, wo er den Schlüssel hätte hineinstecken können. Er tastete die ganze Türe ab. Warum bloss war die Menschheit so dumm, sich auf solchen modernen Schnickschnack einzulassen und keine normalen Schlösser mehr zu machen? Es war ihm einfach unbegreiflich.
Nur der Kofferraum liess sich ohne Schlüssel öffnen, das fand er schliesslich heraus. Was brachte ihn das aber weiter, wie hätte er alt und gliedersüchtig durch den schmalen Eingang zwischen Deckel und Boden des Kofferraums sich zwängen und wie Chaplin mit seinem Schraubenschlüssel in den Treibrädern eines Förderbands durch das Auf und Ab der Sitzreihen sich schwindlig nach vorne rollen und holpern sollen, bis es ihm endlich gelänge, den Motor anzulassen.


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