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Die Garage (Teil 3)

III


Dann rotes Feuer, stechend gelbe Bälle wie Sonnen. Schöner wäre lange so liegen, die Blume der Hand über den Augen. Dunkelgelb spriesst sie, kornblumenfeld. Bewegung und Klumpen zugleich. Steigend und fallend in eins. Lange Nacht und elf oder zwölf. Es weiss es der Sternstaub. Es weiss es der sprudelnde Bach. Die Blume blüht auch im Finstern. Ripsend und rapsend seit langem, ist Kelch einer knöchernen Hand unterm Tisch oder im Bett, einmal Tisch, einmal Bett, oder auch nicht, seit langem Stengel und ein bisschen auch Moos, da wo sie herauswächst aus der knöchernen Hand. Die Ahnen kreisen und steigen darüber hinweg, rotnasig und moosbehangen darüber hinweg. Mit Bärten und Höckern moosbehangen, weinrot die Nasen.

Sind rotfeurig und stechend gelb wie Bälle. Davor kann man nicht die Augen verschliessen, zu spät ist die Nacht herniedergekommen. Sie leuchten herab, verkaufen Melonen, sie steuern schwankende Schiffe, beschwichtigen Klippen, sie treiben zu Markte, gischten zum Hafen, zu einer Stadt voller Händler mit Karren und Bärten.

 

Unter der knöchernen Hand wird die Blume jetzt Fisch. Aus feuchten Wurzeln unter der Hand geboren ein Fisch. Windet sich, wendet sich. Draussen klingen in kreisenden Farben die Münzen der Händler mit Bärten. Und Wald steht in der Sonne, wenn es auch Nacht. Wald in der Sonne und Nacht noch dazu. So wendet zerschellend ein Schiff. Doch noch ein Schiff. Nach dem Krieg gibt es keine Schiffe mehr. Ein moosbehangenes versunkenes Schiff im Wald, wo die Sonne steht. Tausend stechende Augen wie grimmige Sterne. Händler mit Bärten an den Klippen vorüber, zu tausend zerschellt. Wir haben dein Geld! An den Klippen zerschellt. Tausend stechende Augen, dann eine klaffende Leere. Tausend weinrote Nasen. Ripsend und rapsend ein grelles, strauchelndes Kornblumenfeld.

 

Dann Schwärze und Nacht. Und zaghaft wieder ein Licht. Wir müssen dein Geld! Wieder schwarz. Wieder nichts. Oder null. Einmal schwarz, einmal null. Dann zaghaft wie ein scheuer Zögling eine Gestalt. Wir haben dein Geld! Einmal null, einmal schwarz. Zöglinge pulsieren wie Punkte, verschwinden, wachsen wie Hände zum Boden heraus. Stechende ripsende Hände. Ein rotes After. Langer Stengel und Kelch. Der Zögling ist der Nachbarsjunge und weiss es nicht. Einmal doch, einmal nicht. Der ihm manchmal zur Hand geht in der Garage. Ein wortkarger, leicht autistischer Schlaks.

Dann die Sonne nochmal, die schwarzen Punkte. Wir müssen das Geld für dich retten. An den Ahnen mit Karren und Bärten vorbei. An Klippen wird es zerschellen. An weinroten Nasen. An Rembrandtfrauen mit Runzeln. Er wusste es nicht mehr genau, er hatte einiges diesem Jungen geschenkt, der ihm hie und da in der Garage zur Hand gegangen war. Nun war er gestorben oder in ein Heim gesteckt oder anderweitig nicht mehr da, man wusste nichts Genaues.

Die Sonne nochmal, die schwarzen Punkte. Wir müssen das Geld für dich retten. An den Ahnen mit Karren und Bärten vorbei. An Klippen wird es zerschellen. An weinroten Nasen. An Rembrandtfrauen mit Runzeln. Es muss eine Strichliste her.

 

 

Die Währung hatte er wohl geträumt. Sie kam jedenfalls nicht wieder. Er rieb sich am Eichhörnchen den rapsenden Rücken, schloss die Augen dabei und sah kleine schwarze und grössere blaue Punkte pulsieren und wieder verschwinden, indes immer neue wieder erschienen, die schwarz oder blau pulsierten und wieder verschwanden. Manchmal wurden aus schwarzen Punkten blaue, nie aber war es so, dass aus blauen schwarze wurden. Blau blieb blau hinter seinen Augen, pulsierte und verschwand in Blau und wich den anderen Punkten. Vielleicht waren es immer dieselben Punkte, die hinter die Augen kamen, aufkamen, pulsierten und wieder verschwanden, sie waren da oder nicht da, einmal da, einmal nicht, doch immer waren welche da, nur einige nicht, dann wieder die einigen da und die anderen nicht, das hielt er für möglich.

Die Währung kam jedenfalls nicht wieder. Er rieb sich noch einmal ausgiebig am Eichhörnchen den rapsenden Rücken. Die Punkte kehrten wieder, aber schwächer. Schwarz vorallem und wenige blau, aber schwächer. Einmal waren sie da, dann waren sie weg. Schliesslich blieben sie aus. Es wurde dunkel in der Garage und das Licht von der Diele kam nicht wieder. Und doch sah er Farben, weisse Farben, die er in sich selbst entdeckte. Farben augenweiss. Dass er das noch erleben durfte. Farben augenweiss und willig. Mit den Wänden gemischt. Mit den Ruderzeiten, an welchen das Boot um Haaresbreite über dem Autodach an der Diele hing, von einem komplizierten System starker Taue und Stangen und einer schiefen Winde gehalten, was er alles ein bisschen nachjustieren musste wie jedesmal, bevor er das Auto bewegte. Weiss bis ins Gesäss, das an den Wänden lehnte. Dann überquillt Gelb von der Lampe das Augenweiss, das nun aus den Höhlen schiesst. Und über den Hinterkopf fliesst. Alle Farben finden sich in eins. Schwankend wie kleine Schiffe zur See. Denk nach. Träume vielleicht. Jedenfalls sind sie das Glück. Das Glück in der Not. Es gibt unter der brennenden Lampe das Glück.

 

Er löste sich von den Winden und Stangen, trat einen Schritt vor die Garage, sah sich um, merkte, dass niemand im Quartier ihm zuschaute, und wollte prüfen, ob an seinem Schlüsselbund, den er an die Gurtschlaufe der Hose gehängt hatte, nicht ein Schlüssel für das Garagentor passte. Als er aber den Bund aus der Schlaufe gelöst hatte, stand das Ende des Gurtes jetzt weit von der Schlaufe ab, und er wusste garnicht, wie das gekommen war. Der Gurt war nicht mehr richtig eingefasst, wo er doch gerade vorhin noch genau gepasst hatte. Jetzt ringelte er sich vor seinem Bauch wie eine Schlange in die Höhe. Stand auf ganz lächerliche Weise von seinem Bauch ab. So zog er ihn aus den ersten zwei Schlaufen der Hose heraus und sah, dass er selbst eine eingenähte Schlaufe hatte, an der er nun herumnestelte und sie ein wenig verschob, indem er sie hinter die ersten zwei Hosenschlaufen legte. Vorher hatte sie ausserhalb des Hosenschlaufenbereichs gelegen, das musste beim Herauslösen des Schlüsselbundes geschehen sein. Jedenfalls passte jetzt alles wieder.

Er holte das Garagentor herunter, legte es sich auf ein Knie und probierte der Reihe nach jeden Schlüssel aus. Nur ein einziger passte ins Schloss, aber er konnte ihn nicht herumdrehen. Ob er es mit Kraft versuchte oder mit feinstem Druck, er liess sich nicht drehen. Dafür brachte er ihn nun nicht mehr aus dem Schloss heraus, er hatte sich festgeklemmt und steckte darin wie eingeschweisst. Nur mit grossem Geschick, langsam und etappenweise, gelang es ihm, ihn schliesslich herauszulösen. Er hob das Tor vom Knie, packte mit der Hand den Griff oberhalb des Schlosses und drehte ihn vorsichtig ein wenig nach links und ein wenig nach rechts, darauf bedacht, ihn nicht einrasten zu lassen. Er stellte sich eine inwendige Verbindung zum Schloss vor, die er so vielleicht ein wenig lockern konnte, damit der Schlüssel, der ja immerhin ins Schloss passte, sich am Ende doch herumdrehen liess. Da machte es einen lauten Ratsch, und der Türgriff war trotz seiner Vorsicht eingerastet. An der inneren Torwand hatte sich ein Riegel vorgeschoben, so dass er die Garage jetzt nicht mehr schliessen konnte.

 

Das Tor blieb fast zur Hälfte offen, ein klaffendes Maul im stillen Quartier.



Ende


 

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