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Der Stempeluhr-Faschismus

Die Stempeluhr ist wichtiger als die Arbeit an sich. Ohne sie gibt’s nur Vertrauen, aber keine Gewissheit. Die Arbeit ist kein Ringelpiez, schon gar keiner zum Anfassen. Sie ist Seriosität und Seriosität ist Stempeluhr. Ob einer die Probezeit übersteht, hängt im Wesentlichen davon ab, wie er es mit der Stempeluhr hält. Geht’s nicht gut, leuchtet’s rot und alle können es sehen! Das sollte übrigens, lässt man die Uhr weg, jeder wissen: Ohne Stempel ist man vielleicht ein halber Mensch, aber wohl kein Bürger und mit Sicherheit kein Angestellter. So einfach ist das. Man konnte ihm, obschon er fest lieb war und ganz viel machte, nicht vertrauen, weil die Stempeluhr keine Gewissheit hatte. «Wo mehr rot als grün ist, fehlt die Transparenz», sagte die Chefin zu ihm. So waren die Fakten, hart und gar nicht lieb. Zwar stempelte er schon, aber eben nicht so, wie alle anderen das machten. Als hätten sie das Stempeln mit der Muttermilch gesoffen!


Auch jetzt, mit dem baldigen Ende der Probezeit, hat ihn die Stempeluhr noch immer nicht lieb bekommen. Obschon er gewissenhaft einstempelte, kam er zur Arbeit, austempelte, ging er wieder nachhause, lief sie, ob aus Bösartigkeit oder Ignoranz, nicht synchron mit seinem Tun. Sie arbeitete ihm zuwider, geizte mit den Stunden. Man gab ihm eine neue Stempelkarte, doch auch damit änderte sich nichts. Noch war nicht alles verloren, eine Kollegin sprach ihm gut zu: «Mach dir keinen Kopf wegen der Stempeluhr. Wir alle machen Fehler.» Doch die Lage spitzte sich zu, eine gegen ihn gerichtete Bewegung setzte ein: Die Kollegen grüssten nicht mehr, verweigerten ihm Geselligkeit und ging er nach Hause, drehten sich die Köpfe nach der Uhr im Büro. Einige taten dies mit soldatischem Eifer, andere erschraken ob ihrem eigenen Tun, lächelten ihm verschämt zum Abschied zu. Und die Kollegin, die im noch gut zugeredet hatte, ging jetzt seinen Blicken aus dem Weg. Die Stempeluhr hatte ihn ausgebootet.

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