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Vom Kampf der Geschlächter (Teil 1)

Aktualisiert: 28. Aug.

Gewiss, Geschlecht hat vorderhand nichts mit Schlacht zu tun, wie er wohl irrte, als er ein kleiner Bub war, und Geschlecht seiner kindlichen Intuition folgend kurzerhand mit Umlaut schrieb, Geschlächt eben, irgendwie abgeleitet aus das – oder vielleicht die? – Geschlacht, was natürlich strunzfalsch war, die belesene Mutter und die stets auf seine Fröhlichkeit und blauen Augen eifersüchtige Schwester aber prompt zu einem vermeintlich anteilnehmenden, aber letztlich falschen und spöttischen Lachen veranlasste, eine Bösartigkeit, die sich tief in seine Bubenseele, von der Welt bereits verletzte Bubenseele, bohrte und Omen sein sollte dafür, was dem Jungen über die Jahre an mentalen Schlägen und Tritten durch Frauen zugefügt werden würde – ob es angebracht sei, von toxischer Weiblichkeit zu sprechen? Wobei, das musste er später resümieren, waren die Mädchen während seiner jungen Jahre insgesamt netter zu ihm als die Knaben, oder liessen ihn einfach in Ruhe, weshalb er – schon immer gutmütig und besonnen – der schlechten Erfahrungen wegen kein Aufhebens mehr machte.


Aufgrund der Aneinanderreihung von Anlässen, Erfahrungen und Alltagserlebnissen in letzter Zeit, die noch im Detail ausgeführt werden, forschte er nach dem etymologischen Ursprung der Geschlechtersache, des Wortes also, und stiess darauf, dass seine Idee von damals vielleicht gar nicht so schlecht war: Im Althochdeutschen hiess es gislahti, im Mittelhochdeutschen geslehte oder gesleht (das lateinische Genus sei hier der Einfachheit halber weggelassen), was alles in allem und über den Daumen gepeilt mit «in dieselbe Richtung schlagen» übersetzt werden kann, also sei das Geschlecht doch, wie er jetzt fand, zwar nicht Schlacht, aber nahe beim Schlagen, was den Umlaut wieder erklären würde. Zudem, um auf heute, den Anlass der vorliegenden Auseinandersetzung zu kommen, schien es ihm doch manchmal, als ob zwischen Frauen und Männern einiges im Argen liege, eine alte Bande zwar, aber irgendwie schlecht geworden. Während es früher – und er gehörte zu den Männern, die sich dessen bewusst waren, ja sogar wussten, was mit toxischer Männlichkeit gemeint war  – seinen Geschlechtsgenossen vorbehalten war, Frauen schlecht zu behandeln, sie gar zu schlagen, kam es, wie ihm schien, mehr und mehr zu einer Revanche, gegen die sich wiederum manche Männer mit der Faust im Sack wehrten, toxischer Ingrimm ihre Seele erbebte, während andere sich verunsichert, leicht gekränkt und frustriert zurückzogen, Trost in Männerfreundschaften suchten, ohne allerdings deswegen Frauen, die Männer bereits hassten, zu hassen.


Einfache Zeiten waren es beileibe nicht: Neulich sass er mit einer Freundin am Rande eines Parks. Ein Junge spielte mit seiner kleinen Schwester Fussball. Obschon sie zierlich war, schaffte sie es, dem Bruder den Ball auszuspielen, mit einem Kraftschuss übers Feld zu kicken. Schau, wie stark sie ist, sagte seine Freundin. So sei sie als Frau gut gewappnet. Gegen die Männer dieser Welt. Er sass als Mann neben sich und sagte nichts. Doch kamen ihm sogleich alle Ohrfeigen und Fusstritte wieder in den Sinn, die er durch Frauen erfahren musste. Vor lauter Selbstmitleid schossen ihm die Tränen in die Augen. Mit dem Trotz des Gekränkten dachte er: «Wie schön ist es doch, Opfer zu sein!»

 

(Fortsetzung folgt)

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