Vom Kampf der Geschlächter (Teil 2)
- Caspar Reimer
- 3. Sept.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Sept.
Dieselbe Freundin, mit der er neulich im Park sass, vertrat übrigens in einer Runde die Ansicht, es sei für einen Mann nicht statthaft, eine fremde Frau ungefragt länger als fünf Sekunden anzusehen. Seiner gutmütigen und besonnenen Art nach brachte er vor, als Frage formuliert wie ein rosaroter Luftballon, ob dies nicht umgekehrt auch für Frauen gelten müsse. Das sei etwas anderes, lehrte man ihn. Frauen schauten eben nicht so, wie Männer das täten. Er lebte in einer Zeit der lauten Befindlichkeiten, spannungsgeladen und ohne Erbarmen. Freilich wusste er, dass es Männer gab, die Frauen hassten, ihnen die Schuld für die Kränkung des Lebens, die Unterdrückung und die Ohnmacht gaben, in lächerlichen, soldatischen Männerritualen etwas Verblichenes, Marodes, das vielleicht einst kindliche Lebensfreude war, zu retten suchten, sich aber zugleich vom Frauenkörper, zum Ding herabgewürdigt, angezogen fühlten, eine Perversion eigentlich, der, wie auch er einsah, ein beachtliches Gewaltpotenzial innewohnte. Man brauchte sich nur etwas umzuschauen in der Welt, im Geschichtsbuch ein paar Seiten blättern oder auch religiöse Schriften lesen, um die gesellschaftliche Stellung der Frau in geknechteten Gesellschaften zu erkennen. Ja, das tat weh! Nichts destotrotz schien es ihm bei seiner durchwegs unpolitischen Sicht auf die Dinge, als ob Frauen derzeit und hierzulande ebenso gut oder schlecht wie Männer lebten, stand es ihnen doch frei, nach männlicher Manier mit einem 16-Stundentag eine Karriere voranzutreiben, Konkurrenten auszubooten oder einen Praktikanten schlecht wie gut zu behandeln – niemand, ausser ein paar übriggebliebene alte weisse Männer, würde sie daran zu hindern suchen. Möglicherweise waren, wie man munkelte oder laut propagierte, Frauen sogar die besseren Chefinnen als Männer die Chefs. Dass Frauen im Leben in die Situation kommen konnten, schwanger zu werden, ein Kind austragen zu müssen, was der Leistungsbereitschaft auf dem Arbeitsmarkt natürlich abträglich war, hatte doch, seinem Verständnis nach, mehr mit Biologie als mit Diskriminierung zu tun. Für ihn, einen Träumer ohne jeden Sinn fürs Praktische, der den grössten Teil seines Lebens ohne geregeltes Einkommen zubrachte, hatte die Forderung der Frauen nach Lohngleichheit etwas Sinnloses, in das er sich zwar theoretisch eindenken, es auch, sei’s drauf angekommen, bejahen, aber nicht nachfühlen konnte. Lohn war für ihn Ausdruck der Versklavung des Menschen, der Unfreiheit und höchstens Anlass, sich vor den Zug zu werfen, nicht jedoch, auf die Strasse zu gehen. Sein Hirn zielte auf die Abschaffung der Lohnabhängigkeit für alle Menschen, alles darunter interessierte ihn nicht. Würde übrigens nicht, wie er manchmal dachte, eine totale Gleichstellung der Geschlechter die Wehrpflicht für Frauen zwingend einfordern? Gerade derzeit, wo der Russe mal wieder vor der Tür stand, wäre das eine gute Sache. Schliesslich hatten die Frauen in jenem Fussballsommer bewiesen, dass sie ins Feld ziehen können.
Fortsetzung folgt.

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