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Der Taumel

vor 10 Stunden
2 Min. Lesezeit

I

 

In seiner Kammer las er die alten Texte, las immerzu, den Kopf auf die Hand gestützt. Blätterte manchmal zurück, las sie von vorne nach hinten, strich Stellen an und verlor sich doch in den Sätzen. Es wurde ihm leicht auf dem Stuhl, etwas Schweres schwankte und schied sich von seiner Masse. So klar sie ihm aufschien, die Schrift verschob sich und schrieb sich von selbst. Und sein Schweres vergass er und was es eigentlich war. Ihn dünkten die Tage nicht mehr gezählt, als liesse sich noch etwas tun; oder sie wären verpasst, nun gehörten noch Blumen aufs Grab. Stand ein Junge unter sonnigen Fäden davor und hatte dem toten Bruder sein schönstes Spielzeug hingelegt. Waren bleierne Tage im Sommer, fiebrige Strassen im Licht und im Schatten. Fremde Quartiere schwelten im Glück. Wie gezeichnet die Gärten am Abend, gelbe Häuser gefesselt im lodernden Wind. Was da entflammte, verbrannte und immer schneller vorbeistrich, er bewegte sich nicht von der Stelle. Wurde das Schwere so leicht, war ihm das Leichte jetzt wieder schwer.

Dann blickte er auf, legte den Arm auf die Lehne und sah durch die Scheibe das kalte Land und den Reif auf den Dächern der Stadt. Fledermausgrau hing der Himmel, am Horizont der Strich einer Autokolonne. Pfeiler standen am Weg, ein Eisengerüst, knotige Strünke einer Allee, vom Asphalt verschmiert lag der Schnee. Als er sich erhob und die Luke aufstiess, drang mit der Kälte ein Johlen und Kreischen vom Stadttor herüber. Der Jahrmarkt schlug dort sein Rad. Händler hatten ihre Buden aufgestellt, Wirte wohl klotzige Tische mit dampfenden Würsten und die Bauern vom Land hängten geflochtene Zwiebeln an ihre Stände alljährlich und zertraten sich die Füsse davor. Rauschend drehte über allem das Rad, im Taumel hinauf, mit wildem Kreischen hinunter, blieb stehen im Grellen zuoberst, der Taumel brach ab, und stürzte kreischend wieder zur Tiefe. Dort stand das Volk, trank Glühwein, schlug Beifall und johlte; wandte sich ab, wenn jedesmal die Fahrt zu Ende war und die Gondeln geleert. Und zog eine Schar junger Leute daher, so stand es wieder Spalier und sie stiegen aufs Rad.

Zu bestimmter Stunde, zünftige Damen standen mit Körben bei ihnen und reichten den Bürgern Studentengebäck, winkten am Tor die Notabeln der Stadt. Die Gassen dahinter verkauften fröhlich ihr Käse und Brot, von den Dächern taute der Reif, Taubenkot rann an den Mauern herab, die Blumenkästen hingen leer wie ausgestülpte Mägen unter den Fenstern.

Er schloss die Luke wieder. Kein Johlen drang mehr zu ihm. Kalt sah er das Land, mausgrau den Himmel. Strünke einer Allee, den Weg lang ein Eisengerüst. Eine Autokolonne. Asphaltverschmiert lag der Schnee.

 

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