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Die Steuererklärung

Neulich erzählte mir ein Freund, er fülle seit Jahren keine Steuererklärung aus. Zwar habe er sich vorgenommen, es in diesem Jahr zu tun, deswegen eine Notiz auf den Esstisch gelegt, doch wieder sei nichts draus geworden, er liess die Frist verstreichen. Der Freund zündete sich eine Zigarette an und fügte, wie um das Thema abzuschliessen, hinzu: «Und ist die Frist verstrichen, ist die Sache erledigt.» Ich war perplex und bekümmert über den Weg, den mein Freund eingeschlagen hatte, fragte, warum er keine Steuererklärung ausfüllen wolle. Der winkte ab und sagte: «Von Vorsatz kann keine Rede sein. Vielmehr fehlt meinem Leben die Gelegenheit für eine Steuererklärung. Es ist nicht so, dass ich etwas gegen den Staat hätte, ich handle nicht gegen ihn. Ich fülle einfach die Steuererklärung nicht aus. Punkt.» Zuvor war ich in Sorge, rechnete mit dem Bekenntnis eines Staatsverweigerers, doch jetzt platze mir ob seiner Unbekümmertheit der Kragen. Ich fuhr ihn an: «In der Schweiz ist das Ausfüllen der Steuererklärung keine Pflicht, sondern ein Privileg, ein Vertrauensbeweis des Staates an den Bürger. Freiheit bedeutet Verantwortung und dazu gehört das saubere Ausfüllen der Steuererklärung. Dass du so leichtfertig damit umgehst… Würden alle so denken wie du, ginge der Staat doch bankrott!» Mein Freund lachte, versuchte mich zu beruhigen und sagte: «Dem Staat geht wegen mir kein Geld verloren. Im Gegenteil: Werde ich nach mehrfacher Mahnung eingeschätzt und schickt das Amt die Rechnung, so zahle ich sie. Der Staat kann sich nicht beklagen, verdient er doch dank meiner Unterlassung durch Mahn- und Bearbeitungsgebühr noch ein paar Groschen dazu. Ein paar Groschen, die mir das Nichtausfüllen der Steuererklärung wert sind. So ist beiden gedient, dem Staat und meinem Seelenfrieden.» Er lächelte und ich verstand ihn nicht. Nachdem ich mich etwas gesammelt hatte, fragte ich: «Aber, wenn es dir doch schnuppe ist, warum wolltest du die Steuererklärung in diesem Jahr trotzdem ausfüllen?» Er schwieg kurz, schien nachzudenken und sagte: «Das ist eine gute Frage. Vielleicht, weil ich doch ein bisschen dazugehören will?»

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