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Scheibenkleister

Es war üblich zu der Zeit, dass die Menschen, unterwegs von einer Verrichtung zur nächsten, ein Gerät vor dem Kopf hielten. Ihre Augen, ob im Bus, im Tram oder auf offener Strasse, schienen daran festgeklebt. Und ihre Ohren hatten sie zugestöpselt. In den Anfangsjahren, als die Weltneuheit von stinkreichen Leuten der Menschheit hingeworfen wurde, trotzen noch einige, schickte es sich eigentlich, einander anzusehen, miteinander zu reden, doch wurde das Gerät alsbald die neue Normalität. Jene wie er, die es gerade noch anders kannten, trösteten sich damit, dass früher auch nicht alles besser war. Und gewiss hatte das Ganze seine Vorteile, gab es etwa im Sommer Schönes zu sehen: Man konnte, als einer der wenigen, die das Gerät nicht vor dem Kopf hielten, richtiggehend Gaffen, Details erforschen, ohne dass sich jemand daran gestört hätte. Trotzdem überwog bei ihm ein Groll vernichtender Analyse: Die Wucht, mit welcher sich diese Dinger der Menschen bemächtigten, liess jeden bisherigen Versuch in der Geschichte, Menschenmassen an der Leine zu halten, wie Sonntagsschule aussehen. Und neulich platzte ihm der Kragen. «Merkt ihr nicht, wie diese Dinger euch krank machen? Es wird Zeit für eine Revolution!» Stampfend schnaubte er aus dem Bus. Ein älterer Mann lächelte milde, zwei junge Leute schauten erschrocken in die Welt, bevor sie ihr Gerät in der Tasche verstauten. Der Rest ging seinen gewohnten Gang.

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