top of page

Kafka, 26.50 CHF, unvollendet

Zum zweiten Mal las er einen Roman von Franz Kafka. Und zum zweiten Mal suchte ihn der Schreck heim, Geld für ein Buch ausgegeben zu haben, das nicht fertig ist. Bei seinem ersten Kafka – «Der Prozess – war er irritiert, leicht verletzt, doch immerhin war ein Fragment vorhanden, welches das Ende der Geschichte zeichnet, wohingegen «Das Schloss» einfach so und mitten im Satz aufhörte. Jetzt platzte ihm der Kragen, er fühlte sich mit Haut und Haaren betrogen, über den Tisch gezogen, gefickt und gepiesackt von einem weltberühmten Schnösel – studierend vor sich hinschreibend im Elfenbeinturm –, der ihm seinen hart verdienten Mammon aus der Tasche stahl. 26.50 CHF waren ihm nicht nichts, sondern Teil seines schmal bemessenen Budgets für Kultur und Freizeit. Er kochte vor Wut, kämpfte zugleich mit den Tränen, war er doch immer ein bisschen stolz auf sich gewesen, trotz aller Widrigkeit und Tristesse nicht dem Ruf des Stammtischs zu folgen, sondern Bücher zu lesen oder Konzerten zu lauschen. Das verlieh ihm den Unterschied, den Hauch eines Zaubers, der sein Leben bereicherte. Nun aber zeigte ihm Kafka die wahre Fratze der Besserwisser und Studierten, gab ihre Verachtung gegenüber dem kleinen Manne schliesslich und endlich preis. Verzweifelt von allen guten Geistern verlassen machte er sich auf den Weg zum Stammtisch, um sich restlos zu besaufen. Morgen würde er diesem Kafka eine Mail schreiben. Um sich zu beschweren.

 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Die Sprachkritik im Hinterhof

Teil III (Schluss) Alles nicht wahr, alles nicht wahr! kreischte es mit einem Mal aus heiserem Munde und so laut, dass sich der Rezensent, der gleich daneben sass, die Ohren zuhielt. Im Widerschein

 
 
 
Die Sprachkritik im Hinterhof

Teil II Unschlüssig, ob er entgegnen oder schweigen solle, da sein Gegner jetzt innehielt und sich erschöpft am Tisch aufstützte, langte der Rezensent in seine Jacke, fand dort ein Päckchen Tabak und

 
 
 
Die Sprachkritik im Hinterhof

Teil I Über dem Satz „Der Verwalter des kleinen Hotels, in dem ich wohnte, wollte es renovieren“ entbrannte in einer Abendgesellschaft unter zwei Koryphäen ein Streit. Es hatte ihn ein Rezensent auf d

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
  • Facebook
  • Twitter
  • LinkedIn

©2020 Reimers Blog. Erstellt mit Wix.com

bottom of page