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Die Befreiung (Teil 1)


I

 

Als er seinen verhassten Schüler weder mit üblen Manieren, Schelten, Niedermachen, noch durch ständige Verteuerung der Lektion hatte loswerden können, bestellte ihn der Alte eines Morgens zu frühster Stunde ins Haus und lockte ihn, da der Jüngling mit scheuem Lächeln pünktlich vor ihm erschien, unter dem Vorwand eines Sonnenspektakels aufs Dach, liess ihn vom Estrichboden die Luke mit einem Stecken aufstossen und schwang sich hinter ihm her auf die hohe Terrasse. Sie standen über den Häusern der Altstadt, kühl stieg die Sonne herauf und schied den Tag von der Nacht. Die Gassen wurden ins Zwielicht gezogen, der Hauptplatz von einer grellen Pranke gepackt. Um einen Brunnen glitzerte Kopfsteingepflaster, schmerbauchig sass ein Hüne zu Pferd und erglänzte in bronzenem Fett. Der Stadtbach, aus einer Tunke klebrigen Öls, floss zum Tor hinaus dem frischen Himmel entgegen, unter dem sich taub die Klötze von Neubauten reihten wie zum Appell.

Vom Licht dieses Morgens umfangen, hatte der Schüler die Arme gegen ein niedriges Geländer gestreckt, die Beine gespreizt und den Kopf in die Blendung zurückgeworfen, so dass die Schulter ins Kreuz fiel und mit ihrer schönen Pendelbewegung sein roter Mund sich öffnete. Eine Brise strich ihm durchs hängende Haar. Er nahm sich von allen Banden gelöst und seinen Leib in dem Wind als etwas Schwebendes wahr, das der Weltgeist beseelte.

 

Der Alte, der im Schatten geblieben war, dachte ganz anders von ihm: Bald wirst du verblüht sein, verdrossen wie die Anderen sein, fügsames Vieh ins Joch gespannt; da kannst du gleich mit dem Morgenrausch in dein Glück eingehen, solang du noch weisst, was das ist.

Nun streckte sich der Junge mit einem Schmachten, stützte die Ellbogen auf das zierliche Geländer und faltete die Hände darüber. Das Gesäss zurückverschoben und ein Bein schlank um das andre gewunden, so lehnte er über dem gleissenden Lauf und blickte hoch oben hinab auf einen Hof, den der Tag gegen die Strasse zu halb noch verbarg. Unter ihm aber war das Licht jäh in die Tiefe geschossen, der Boden aufgedämmert, mattscheibengrau. Buschwerk, zäh aneinander, umrankte die blanken Stangen einer Umzäunung. Aus einem Verschlag huschte eine Katze, er beobachtete, wie sie der Hauswand entlangstrich und aus seinem Blickfeld geriet. Neugierig stellte er sich auf die Zehenspitzen und neigte sich vornüber.

Der Alte hatte sich von hinten herangeschlichen. „Dir ist das Hemd aus der Hose gerutscht″. Er packte den Verhassten blitzschnell am Gürtel, wodurch dieser über dem Abgrund den Halt verlor, und stiess ihn voll Ingrimm hinunter. Der Junge, der noch versuchte, sich nach dem Geländer zu drehen und an den Stäben festzuhalten, stöhnte auf, als hoch in der Luft seine Seele zerriss; der Aufschlag auf dem Asphalt blieb stumm. Im Hof lag er wie zum Schlaf, zu einer Umarmung gebreitet.

 

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