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Reden

Als kämen die Stimmen aus einer anderen Welt. Aus einer Plauderwelt. Plüsch, Flip und Plopp. Mit ihrem Mann habe sie den Garten gemacht. Wie könne man anders bei dem schönen Wetter? Ich pflichtete bei, es stimme, das Wetter ziehe einen förmlich nach draussen. Sie stutzte unmerklich, ging aber nicht auf mich ein, sondern fuhr weiter: Ihr Mann habe es in den Knien, weshalb sie statt er auf die Leiter stieg, um das Gestrüpp himmelwärts zu schneiden. Und wie heiss es schon gewesen sei für die Jahreszeit, sie glaubte, es treffe sie der Sonnenstich. Ohne Sonnenschutz gehe da nichts. Ob sie eine Pollenallergie habe? Nein, das sei bei ihr nicht der Fall. Erst jetzt brach eine Pause den Fluss. Hatte ich die falsche Frage gestellt? Mir wurde heiss. Doch in diesem Augenblick fielen mir die jungen Katzen ein, die der Frühling meiner Nichte geschenkt hatte. Ich griff mir ein Stück Extrovertiertheit von irgendwoher und äusserte mein Wohlwollen gegenüber diesen Lebewesen. Einfach so, ohne Zusammenhang. Prompt stutze sie wieder. Sie hatte etwas Stumpfes, wenn sie das tat. Ich war bloss und voller Angst. Deshalb traf es mich hart, als die Kollegin sagte, mit Katzen könne sie überhaupt nichts anfangen. Die täten doch, was sie wollten, was hätte sie davon? Also: Wenn sie ein Haustier hätte, wolle sie auch etwas davon haben, sei so ein Tier doch immer mit einem gewissen Aufwand verbunden, und was das koste! Zudem: Irgendwer müsse sich jeweils um das Katzenklo kümmern, es putzen, das stinke ja zum Himmel. Nein, das brauche sie nicht. Mir fiel nichts ein, ich hatte aber wieder Angst, eine Pause könnte sich bilden, sich verfestigen und ich würde gemeinsam mit ihr darin steckenbleiben, deshalb fragte ich aus dem Nichts, ob sie lieber Hunde möge? Diesmal stutzte sie nicht, sondern deutete ein Nicken an und fuhr weiter:  Ja, Hunde wären schon eher ihr Ding, ihr Mann hätte sich einmal einen Hund anschaffen gewollt, doch sie habe es ihm ausgeredet: Man müsse mit dem Tier jeden Tag raus, sie seien beide berufstätig, sie und der Mann, weshalb das so oder so nicht ginge. Wer solle sich denn um das Tier kümmern? Und in die Ferien könne man den Hund ja auch nicht einfach so mitnehmen. Dann immer ein hundefreundliches Hotel suchen? Nein, das brauche sie alles nicht. Ich musste etwas sagen. Ich sagte etwas, doch ich spürte, dass es nicht reichte, dass ich dabei war, den Anschluss zu verlieren. Es war schmerzhaft. Mein Blick streifte über die Kollegin hinweg durchs Fenster. Tausend Pollen strahlten Sonnenlicht. Die Welt war in Blüte. Die Kollegin fuhr weiter: Sie und ihr Mann seien beide völlig unterschiedlich, so oder so sei es bei ihnen etwas wie eine verkehrte Welt – er koche, während sie Fernsehen schaue, Bundesliga. Das mit dem Kochen habe sie aufgegeben, sie könne das einfach nicht, so macht jeder das, was er kann. Wobei ihm, ihrem Mann, im letzten Jahr ein Malheur widerfahren war, als er eine Pfanne mit kochender Tomatensauce auf dem Herd hatte stehen lassen. Er hatte vergessen, die Temperatur runterzudrehen. Das hätte beinahe einen Küchenbrand ausgelöst, wäre sie nicht zu Hause gewesen! Ich äusserte Mitgefühl, indem ich Oh sagte. Plötzlich ein Klacken auf dem Gang. Es kam näher und machte einen fröhlichen Eindruck. Eine andere Kollegin stiess hinzu. Ihre Augen, strahlend wie tausend Sonnen, forderten die gute Laune. Ich spürte in mir so etwas wie Eifersucht und schämte mich dafür. Ich dachte an den Krieg. Hallöchen! Schönes Wochenende gehabt? Ich antwortete viel zu laut, stossend und pressend: Wunderbar! Einfach wunderbar! Bei dem schönen Wetter! Stille. Zur Hitze kam Ekel hinzu. Ich fühlte mich wie ein Alien. Meine Kolleginnen inspizierten mich, Blicke, die prüften. Hätte ich nicht so laut sprechen dürfen? Oder einfach die Worte anders wählen sollen? Bei der neu hinzugestossenen Kollegin war mir schon aufgefallen, dass sie oft lachte. Auch dann, wenn es eigentlich nichts zu lachen gab. Jetzt tat sie es gerade. Die beiden Frauen hatten zu reden begonnen. Ich blickte wieder aus dem Fenster und wünschte, ich wär’ Blütenstaub.

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