Die Befreiung (Teil 3)
- Daniel Costantino
- vor 10 Stunden
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III
Er schlief viel, zu einer Felswand gehauen, Kuppen im Nebel, schlanken Tiaren. Durch seinen schrattigen Leib rannen die Träume, melodische Skalen, er lauschte dem silbernen Grund. Nachts oder tags erschienen in Rudeln die Seinen, drängende Schatten, Mollusken, eine Pranke tätschte einmal auf ihn, zerschlug das Silber im Grund, in faden Schlieren spie er es aus, die Tiaren donnerten nieder, er, Fels, brach unter grässlichen Skalen zusammen. Das Rudel schrieb ihn drei Tage krank.
Uniformen führten ihn manchmal zum Stadthaus, er in ihrer Mitte, und das Denkmalgebäude war kühn, rote, weisse, wilde Geranien beschossen die wüste Fassade, überranten das Prunkstück in Haufen und Horden, erjagten die Giebel, die Gipfel, bekränzten die Sonne, in trutziger Blust stand der Himmel, im Blut schwamm die historische Front, umschränkten die hintersten Ecken, stürzten jäh in die Tiefe, wo sie in Reihen laubbedeckt aufeinanderlagen und aus den grauen Kisten hingen; wie kurze Spiesse stachen die Schraubgewinde unter ihnen hervor.
Im Innern, Einlass 409, betreute eine kerzengerade Ärztin den Fall, spannte Fragen vom Pult zu den Wänden zur Tür spinnwebenseiden über ihn weg; er schwieg. Die Gewalt wirkt bei solchen Tätern wie ein Fremdkörper. Sie fragen sich niemals, ob das, was sie tun, gut oder schlecht ist. Expl. hat zu seinen Emotionen keinen Zugang, was zu einem Bruch mit der Umwelt führt. Er macht einfach das, was ein inneres Drehbuch ihm vorschreibt.
Und einmal fuhr auf silbernen Rädern eine tupfgleiche Schar Knaben um das Gebäude, als sie ihn holten und mit ihm draussen standen, fuhr lustig unter den Geranien wieder heran, im Karussell verklingend herum, blütenweiss unter den Gewinden wieder hervor, bis jeder weich vom Sattel stieg, einer um der andere sich labte beim Brunnen unter dem bronzenen Hünen, alles wieder aufstieg und mit flatterndem Leibchen entwich.
Am gescheitelten Aufseher und dessen Art, jedem Umstand säuberlich Rechnung zu tragen, löste sich um des Friedens willen sein Schweigen am letzten Tag. Besser war es, eine zweite, gefaltete Decke in Reserve auf dem Schemel liegen zu haben, der verwahrlost neben einem Holztischchen in der Zelle stand, als nur über eine einzige auf die Pritsche gespannte zu verfügen. Froh wäre man, gegen die Feuchtigkeit gewappnet zu sein, die ein schlechtes Wetter durch die Sandsteinmauern des Gefängnisgebäudes treiben konnte.
Ausserdem, wenn nämlich der amtliche Verteidiger einen persönlich in der Zelle besuchen wollte, liesse sich die zweite Decke immer noch bequem auf die Pritsche legen und dem Herrn Doktor der blanke Schemel anbieten. In seiner schieferblauen Uniform, die sich dabei etwas lüftete und nach Waffenfett roch, demonstrierte der Aufseher ausladend den Vorgang, und so gestand ihm der Häftling endlich mit brüchiger Stimme die zweite Decke zu.
Auf glatten Sohlen schritt der Aufseher eigens noch einmal dahin, noch einmal daher durch den knirschenden, sich unter milchweissen Deckenlampen verlierenden Gefängniskorridor, von kolossalen, präzise eingelassenen Stahltüren flankiert, aus deren Verpanzerung links und rechts die polierten Zellenöffner wie futuristische Knüppel in die Helle ragten, und holte seinem Schützling aus einem anderen Teil des Trakts, der sich in der Weite röhrenartig verbog, eine von den braunen Wolldecken, die er dort in einem Spind vorrätig hatte.
Der aber, den er schon auf der hochgerollten Decke über der Pritsche sitzend sich ausmalte und gegen die unebene Matratze, das Guckloch würde es weisen, sein Gleichgewicht halten, zum Schemel hin, in die Mitte der Zelle gestellt, sich räuspern und eine Rede an den Verteidiger einüben sah, brauchte die Decke nicht mehr. Er lag ihm tot in der Zelle, wie zum Schlaf auf den Boden gebreitet, den Kopf zum Schemel geneigt, und war von allen Banden gelöst.
Ende


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