Die Befreiung (Teil 2)
- Daniel Costantino
- vor 23 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
II
Eine Zone am Rande der Stadt, Transit und Umschlag, Eisenbahnböschung, Lokalindustrie, Gerüste aus Stahl und gläserne Verwaltungskomplexe, Mülldeponien, Häuserfluchten von Regengüssen gezeichnet und schrägen russigen Schatten, schwere, durch den Korridor schnaufende Laster, Taxis, die über die Schwellen der Trasse klatschen, Linienbusse stadtauswärts und Kastenwagen auf dem Weg zu verzweigten Autobahnen, Blechdach auf Blechdach hinausgespült die kleinen Fahrzeuge in der Schwemme der grossen, während auf der anderen Seite, jenseits von Stumpengeleisen in ihrem staubigen Schotter, der Verkehr zu den fernen Quartieren hinausrauscht oder wieder gegen das Zentrum und einem Dickicht von Abstellplätzen und Parkarealen zu. In diese Gegend verschlug ihn sein letzter Gang. Hier hatte er als junger Mensch über einem Grosshandel mit Früchten und einigen Etagen Firmenbüros eine Mansarde bewohnt, einen Kaltwasserschlag mit Herdplatte. Es war die Zeit gewesen, da in der Nähe ein paar verschmierte Holzschuppen abgerissen und eine Konstruktion aus Beton errichtet wurde, ein hochaufschiessendes Gebäude einer Versicherung, das alles, was in seiner Umgebung gelegen war, auch seine kleine Mansarde im fünften Stock, in den Schatten stellte.
Als durch seinen Stoss der Junge fiel, war auch das Schwere, das ihn niederdrückte, von ihm gefallen. Über alle Massen leicht war ihm geworden. In der Tiefe verlor dieser sein Leben, doch ihn begann ein Glück zu heben. Weinend war er aus dem Haus gegangen, im Taumel von Liebe durchströmt, umarmt vom erwachenden Morgen, eins mit der grossen Natur. Dann fühlte er sich schmaler werden, welken, verkrusten, schliesslich in einen Zustand gesteckt, der ihn zwar die Dinge wahrnehmen, aber nicht mehr empfinden liess. Er war nun von allem geschieden, auch von sich selbst.
Eine Nebenstrasse nahm ihn auf. Rissige, mannshohe Mauern aus Stein, gegen unbefugtes Betreten errichtet, umstellten einen Platz, auf dem Palette und Container sich stapelten und an abschüssigen Rampen verladen wurden. Eben öffnete sich die Zufahrt, ein Camion rollte mit seinem Anhänger durch die Anlage, versperrte ihm quer über dem Bordstein den Weg. Dass er stehenblieb, geschah ohne sein Zutun. Der Fahrer in der Kabine hob mechanisch die Hand und lenkte den schwankenden Koloss an ihm vorbei auf die Strasse hinaus. Auch er kam ins Schwanken und sah die Strasse sich aufspannen und wie eine Leinwand zerknittern. Über dem Steuerrad baumelte ein weisses Maskottchen und darunter rutschte das lederne Polster weg, oder rutschte er selber weg, knallte aufs Trittbrett, schlug in die Kabine, versickerte da. Und fand sich über dem schiefen Polster ganz klein wie das Maskottchen, baumelte neben dem Fahrer, lächelte, funkelte. Zählte Fahrbahn um Fahrbahn, der Fahrer pfiff jetzt ein Lied, die Gegenfahrbahn. Damit nichts mehr geschehe. Sei flaumig und kreise. Schicke dich drein. Deine Nase ans Fenster. Vielleicht von ferne ein Bauchtritt, das Pfeifen, ein Totschlag. Zählen, herbei und vorbei. Solange du kannst, bis etwas Schwebendes kreuzfalsch in der Luft..
Er schaute sich um. Reglos stand die Gegend, mausgrauer Pelz. Hie und da drang aus einer Werkstatt ein Rufen, ein sägender Fetzen über die Strasse, die jetzt wie ausgewalztes Blech Sonnenmilch spiegelte. Grillen im Wind, ein roter Mund spitzt sich zu. Leicht ging er dahin, singend. Tanzte um eine Laterne. O wir waren ganz du. Ihm zu Füssen der Junge ist lange schon tot.
Bei einem Betonpfeiler bog er ab, schritt durch ein lichtes Gehölz. Die Bar Zur Autobahnbrücke hatte zu dieser Stunde noch keine Besucher. In den Kiesboden des Parkfelds waren Rinnen vom Einspuren gekerbt, Grasstoppeln und plattgefahrenes Unkraut säumten den Rand. Jahr und Tag bist du dagewesen. Ein Spulenband hält, ein Schemen läuft weg. Er stand mit zitternden Händen, nahm den Eingang hinunter zum Keller, zerteilte den Vorhang aus Bambus und Flitter. Theke im Rotlicht, eine Mitternacht illuminiert. Gläser perlen laternengelb von der Decke. Schäbige Gassen, Popartbasare, Scherenschnitt voller Liköre und Kerzen. Auf Meereswellen gepostert ein schäumendes Girl. Bossa Nova hüfthohe Spotlights im Grünstich, die Tischchen gedämpft in den Rhythmus gelegt. Der Kellner erschien mit Tablett und kunstfasernem Lächeln.
Schädel kullern vom Dach und zertrümmern. Ein Schlacks tritt durch den Vorhang, wirbelt im Kreis, setzt sich tausendschön, kämmt sich im Schatten das Haar. Doch, sein schwankender Gang sei ihm aufgefallen. Abtippen, eintippen. Seit Kindsbeinen Räderwerk, Pelz und Krawatte. Sterben sei eine Reise zum Mond und dergleichen hat er gesagt. Dann zerschaben Schieber den Flitter und Schnecken, zu packen mit Daumen und Fingern, zu zerdrücken im rechten Moment. Sie prosten Becher voll Glück, es fliesst ihnen ab, vom einen fliessts in den andern. Alles sei Pan. Nein, gekannt habe er ihn nicht. Weg in den Graben samt ihren Dollari, darüber ein Frühstück sur l’herbe mit Splittern von eitrigem Brot. Der Friede steht an die Theke gelehnt. Stück für Stück die goldenen Krämer im Käfig, Seelenstümpfe, über die Futternäpfe Stangen gelegt, balancieren mit strahlenden Augen, getüpfelt bis in den Tod. Wie angenehm dagegen, die Zeitung zu lesen. Der Schlacks wirbelt noch immer im Kreis, schmiert jetzt den Himmel, reinigt die Stimmung blitzblank. Du brauchst nur zu lächeln und pünktlich zu sein. Statt Grabstein ein Aktenkoffer, hat er gesagt, und nach einer halben Stunde das Lokal wieder verlassen. Er habe ihm gutes Trinkgeld gegeben.
Als er zuhause anlangte, stand die Polizei vor der Tür.

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