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Scarp auf dem Dach

An den schlafenden Nachbarn vorbei schleicht Scarp auf den Estrich, stösst mit einem Stecken die Luke auf und schwingt sich kraftvoll aufs Dach; in der frühen Brise zieht er hoch überm Quartier seine Runden, die Arme am Rücken verschränkt, hinter Häuserkulissen steigt die kühle Sonne herauf; grau und bald golden sprenkelt gegenüber an Fenstern und Wänden das Glas, schaukeln im Licht des Morgens Antennen, blinzelnde Silhouetten im Wind von den Dächern herab, neigen sich Stangen und Masten in den Scheiben der Betonklötze gespiegelt hin und zurück; Rohre glänzen und Rahmen über dem Schatten der Tiefe, wo an der Schräge der Mauern schon die Sonne mit grellen Fingern sie packt, unten stehen Bäume herum, kahl und schwarz, wie getrocknetes Öl liegt der Asphalt am Boden; im Widerschein der Fensterreihen wölben sich Balkone an den Fronten empor, blecherne Fässer stehen schief auf den Terrassen, Fähnchen winken auf schwankenden Streben, von den Stockwerken beugen sich leere Blumenkistchen herab; ein Streifen Licht strömt durch eine Allee gegen die Stadt zu, auf einer Sitzbank wirbeln verdorrte Blätter, weisse Bürotürme haben Flaggen gehisst, Cirren ziehen am Himmel darüber, windzerfetzte Wimpel; alles nimmt Form auf und Fahrt.

Von einer Brüstung des Dachs hat Scarp einen Ausblick entdeckt an die Berge hinan; die Sonne erfasst den Schnee ihrer Gipfel, ein schrattiger Fels bleibt in den Schatten getüncht, eine Fluh erscheint wie das Profil einer strahlenden Mutter mit ihren Kindern im Schlepptau, kleinen verschmutzten Hügeln und bewaldeten Spitzen; dann ballen gravitätisch sich Wolken darüber, Segel blähen sich auf und verkeilen sich in die weissen Gipfel, mischen sie auf zu spukhaften Gebilden; auf der anderen Seite die Stadt, Strassenadern und Gassen halb noch im Dämmer, halb nun in blendender Helle, Promenaden und Altstadthäuser, die Prunkbauten, die im Zwielicht Kreuzfahrtschiffen gleichen, vor Anker gelegt auf den gepflasterten Strassen wie auf plätscherndem Grund; verwinkelte Läden ziehen herauf in der Sonne, die ersten Fahrzeuge, durch die aufspiegelnden Flächen der Boulevards tuckernde Kutter, flüchtige Streifen von Rauch, Signale, Rädergerausch; mit Rolltreppen aus der Tiefe rücken kleine Menschenkolonnen ans Licht, auf den Trottoirs bilden sich Gruppen und Paare, weite Tore öffnen, Storen rollen sich auf, Rumoren entsteht, Umrisse von Marktgerüchen, alles lädt sich auf in der frischen Sonne; zu einer Baustelle am Stadtrand hinaus fährt eine Strassenbahn, klobig ragen Rohbauten zwischen Sandhügeln empor, Kolosse mit stumpfen Augen, ein Bulldozer steht auf dem Schotter daneben, aus einem umzäunten Haufen funkelt blankes Metall; zwei Kräne streben in den erblauten Himmel, ihre Kabinen schwanken weit oben in kleinen, schmiegsamen Wolken, quirligen Fasern, leichthin in der hohen Luft sich verstreuender Gischt.

Wie ein erschlafftes Segel hat sich auf der Brüstung Scarps Hemd um seinen Körper gelegt.

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