top of page

Teilzeittirade

Vom Untergang der Arbeit hatte er sich den Kopf feuerrot geschwatzt. Während er noch wisse, was Anpacken, ja was Verantwortung bedeute, deshalb sein eigenes Geschäft mit zehn Angestellten führe, verpufften die Jungen heute am Gymnasium, an der Universität. Dabei brauche es nicht nur Häuptlinge, sondern eben vor allem Indianer, doch sei niemand mehr bereit, harte Arbeit zu leisten. Gegen Teilzeitarbeit redete er sich die Tirade vom Leib. Die Pandemie der Teilzeitarbeit, wie er es nannte, gefährde den Wohlstand, fahre den ganzen Karren gegen die Wand. Jeden Tag müsse er es ansehen! Jene Menschen, die statt erst um fünf, bereits um vier Uhr nachhause fuhren. Diese Mentalität führe schnurstracks in den Untergang, doch leider mangle es an Einsehen, gehe es den Menschen doch immer noch zu gut. «Es geht uns einfach zu gut!» Früher – und jetzt kam die Wendung, auf die er besonders stolz schien – hätte man von Work-Live-Balance gesprochen, heute dagegen nur noch Life-Work-Balance. Und ich dachte mir: Würde er teilzeit arbeiten, hätte er mehrzeit, über Sprache nachzudenken. Und grösste Peinlichkeiten zu vermeiden. Ich meinerseits fuhr, nachdem er geendet hatte, nachhause. Und ruhte mich teilzeit aus.

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Betrachtungen 3

Kneipe         In Erwartung des nächsten Biers zeigt sich die Zufriedenheit mit dem Leben in einfachster, schönster Form.     Man trinkt und redet, und die belanglose Rede wird nicht von solcher unter

 
 
 
Betrachtungen 2

Balkon         Der Wohnselige: Er kommt kaum noch weiter als bis zum Balkon. Doch, sagt er, noch höre er den Ruf der Ferne, er sei ja nicht taub.     (2013)       Nichts passt besser zu „Balkon“ als „

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
  • Facebook
  • Twitter
  • LinkedIn

©2020 Reimers Blog. Erstellt mit Wix.com

bottom of page