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Barfuss

Man muss sich immer neu erfinden. Das scheint mir der einzige Weg, um der Vorhersehbarkeit, der Monotonie und der Trägheit zu entrinnen. Dieses Vorhaben zeitigt Wunderliches: Neulich habe ich damit angefangen, barfuss Spaziergänge zu unternehmen. Der Rest des Körpers ist in gepflegte Kleidung gehüllt. Dieser stilistische Bruch am unteren Ende sorgt für Irritation bei den Passanten, und mir geht’s gut dabei.


Seither sehe ich mich selbst mit anderen Augen, kenne mich gar nicht. Eine fremde Haut ist an mich gekommen. Man hegt anfänglich gesundes Misstrauen, doch das Befreiende überwiegt. Die Existenz geht mit nackten Füssen. Jean-Paul Sartre empfahl, durchs Leben zu gleiten, satt zu verwurzeln. Es leuchtet ein, dass die Freiheit eher im Gleiten liegt, als dass sie in der Verwurzlung steckt. Wer barfuss geht, tänzelt durchs Leben, wer Schuhe trägt, steht stramm und halb schon im Grab.


Das Grauen, das ich als junger Mann angesichts eines Arbeitslebens empfand, hat mich davor bewahrt, einzuspuren. Ich entzog mich den Erwartungen und so der Gefahr, irgendwo zu verwurzeln. Dieses Leben wollte keine Sicherheit. Sich selbst stets neu zu erfinden war deshalb eine Notwendigkeit: Man spürt den Absturz an den Fersen, also rettet man sich von einer Neuerfindung zur nächsten.


Heute, einer gewissen Behaglichkeit mehr zugeneigt, ist höchste Wachsamkeit vor dieser Trägheit, die sich in gefällige Zufriedenheit kleidet, angesagt. Warum sollte ich heute bejahen, was ich früher verneinte? Warum sollte ich so tun, als wäre alles gut? Die pure Existenz bleibt eine Zumutung. Und das Leben selbst? Es muss immer neu erdacht werden.

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