top of page

Betrachtungen 3

Kneipe

   

    In Erwartung des nächsten Biers zeigt sich die Zufriedenheit mit dem Leben in einfachster, schönster Form.

    Man trinkt und redet, und die belanglose Rede wird nicht von solcher unterschieden, die aufhorchen lassen müsste, wenn sie andernorts gesagt würde.

    (Mai 2018)

 

    Der Stammtisch ist das Miliöh, in dem man in der falschen Gemütlichkeit nach Feierabend verkauzt.

    (Juni 2018)

 

    Gartenwirtschaft

 

    Nein, es stört mich gar nicht, dass es in dieser Gartenwirtschaft so viele Leute hat. Ich bin gut gelaunt, mag sie alle. Vor allem die Familien: kleine Mädchen zur Zier, Jungs zur Erbauung... Mütter ordnend, Väter zahlend.

    Der mürrische Kellner hat einen guten Moment. Er dreht kunstvoll das Tablett auf zwei Fingern, unbeobachtet, wie er wohl meint, während er irgendwohin blickt, wo gerade niemand seine Aufmerksamkeit sucht.

    (Tierpark, Juli 1996)

 

    Paare kommen, verlangen die Karte. Und auch eins, von dem anzunehmen ist, dass s i e die Rechnung bezahlen wird. Man sieht das: Eingeladene Männer sind meist erheblich jünger als die Frau und haben so was Untröstliches im Gesicht.

    Sie: betont gepflegt, etwas Schmuck, der Hut sitzt. Die gestikulierende Hand beweglich in alle Richtungen.

    Er: frisch gewaschen, die Haare, und wohl auch der Rest. Das Hemd weit aufgeknöpft, die Hosenbeine ausgefranst, die Schuhe ordentlich gebunden.

    Er hört ihr zu und dreht noch lange die Karte in den Händen, obwohl sie doch schon lange bestellt hat. Für beide.

    (Seidenhof, September 2012)

 

    Da hat wohl jemand Geburtstag. Es kommen Leute, begrüssen sich, und bei einem häufen sich Geschenke. Diese nicht sogleich zu öffnen, scheint mir richtig zu sein, und beinahe hätte ich zustimmend in seine Richtung genickt.

    Der Jubilar muss achtgeben auf den Verlauf des Festes und sich nicht ablenken lassen durch zerknülltes Papier und irgendwelche Geschenkartikel.

    (Seidenhof, September 2012)

 

    Mein kleines Lokal

 

    Der eine Kellner ist gross und dünn, hat einen flachen Hinterkopf und eine etwas lange Nase. Sein T-Shirt trägt die Aufschrift „Märliprinz“.

    Einige Tischchen von mir entfernt sitzt eine Frau, die, wenn jemand in ihrer Gesellschaft etwas gesagt hat, jedes Mal lacht. Als müsste sie üben, später auch ohne Gegenstand der Heiterkeit auszukommen.

    (April 2005)

 

    Schön, wie sich Musik von Chopin gegen die Geräusche aus der Küche (Pürieren, Brutzeln, Zurufe...) behauptet.

    Der grosse, dünne Kellner, vermutlich ein Türke, weckt in mir plötzlich den Wunsch, nackt neben ihm zu liegen. Einfach so, weil er so lieb ist.

    Er hält, während er eine Bestellung aufnimmt, immer die Arme auf dem Rücken, und die Finger beider Hände spielen dort miteinander, als freuten sie sich, stellvertretend für den ganzen hageren Leib, ein wenig des Lebens.

    (Mai 2005)

 

    Da sitzt einer, trinkt Süssmost und setzt in ein grosses Heft seine grossen Buchstaben. Ein Dichter?

    Ich wage es nicht, mein schwarzes Notizbüchlein hervorzunehmen. Einer von uns beiden wäre des andern Narr.

    (Juni 2006)

 

    Wieder mal im Gärtchen des kleinen Lokals. Das Haus ennet der Strasse ist natürlich noch dasselbe, aber wie mir scheint, sind die Gardinen im ersten Stock ausgewechselt worden.

    Ich überlege mir beim zweiten Bier, was ich mir heute Abend kochen soll. Das erinnert mich an eine alte Fernsehwerbung für... ich weiss nicht mehr was, in der ein Ehemann, eben das Haus verlassend, um zur Arbeit zu fahren, sagt, dass Frauen sich allmorgendlich zwei entscheidende Fragen stellten, nämlich „Was ziehe ich heute an?“ und „Was koche ich heute?“.

    Die Salznüsschen sind gegessen. Sie werden hier übrigens in alten, krummstieligen Schälchen aus Hotelsilber serviert, in denen früher, eben damals, als die Frauen sich noch jene zwei Fragen stellten, im Café bunte Glacékugeln gereicht wurden.

    (April 2015)

 

    Wenig entschlossen, eher einer Laune folgend, betritt er den Garten des kleinen Lokals. Aber an dieser Laune erkennt er sich. Er hat eben gerade ein bisschen Lust auf ein frisch gezapftes Bier. Das Wetter ist angenehm, und ein Buch ist auch dabei. Für alle Fälle. Man könnte sagen, er sei hinreichend zufrieden.

    Von „seligem Verweilen“ hält er allerdings im Augenblick wenig.

    (Mai 2016)

 

    Geplauder der andern Gäste kann stören. Aber auch gefallen, wie eben just das der drei jungen Männer am Nebentischchen. Nicht, dass ich sie etwa belauschte - Gott bewahre! -, aber das ganze klingende Ensemble dieser Tischnachbarschaft macht mir Freude.

    Ich fürchte, meine Ohren sind schwul.

    (April 2017)

 

    Er blättert kurz im mitgebrachten Buch, zuckt die Schultern und legt schliesslich an irgendeiner Stelle den Kassenbon als Buchzeichen ohne Bedeutung hinein. Es ist kühl.

    Er hat noch einen Schluck Bier im Glas und eine Zigarette im Mund. Und weil ihn der vor Monaten verletzte Fuss wieder etwas schmerzt, streckt er das Bein aus. Jetzt erst zündet er die Zigarette an und trinkt, wie auf Regieanweisung, den verbliebenen Schluck Bier.

    Von weitem mag es aussehen wie geniessen. Dabei ist es bloss ein Versuch, mit geringem Aufwand nicht betrübt zu sein.

    (Juni 2013)

 

    Die Sekt-Dame nebenan telephoniert. Gibt ihren Standort durch, und der stimmt, das könnte ich bestätigen.

    Beim dritten Gespräch und der zweiten Zigarette redet sie etwas länger. Sie trägt offenbar eine Bitte vor. Zwischendruch gerät sie ins Stocken; der Gesprächspartner antwortet wohl nicht ganz in ihrem Sinne, denn nach kurzer Pause sagt sie, während sie die Zigarette, inzwischen die dritte, ausdrückt: „Aber du bist doch so etwas wie ein Freund!“

    (Oktober 2017)

 

    Heute zeigte sich die Sonne den ganzen Tag über nicht. Und nun, abends, sieht man den Nebel funkeln in den Lichtkegeln der Strassenlaternen.

    Allmählich wird es mir zu kühl im Gärtchen. Ein Lüftchen hebt etwas Laub in die Höhe und lässt es gleich wieder fallen, da war nur etwas Bewegung knapp über dem Boden.

    Es wird auf allerzarteste Weise ungemütlich.

    (Oktober 2012)

 

    Im Restaurant

 

    Wenn Leute ihre für die kältere Jahreszeit bestimmten Hüllen - gesteppt, bauschig, mit wulstigem Ende oben statt eines Kragens - im Restaurant ausziehen, aber nicht an der Garderobe aufhängen mögen, wo eh nicht dafür gehaftet wird, sondern zusammenrollen und neben sich legen, hat man für Augenblicke das Gefühl, sie hätten einen Schlafsack oder so was dabei, mit der Absicht zu bleiben.

    Selbst in feineren Lokalen gibt es diese Textilhaufen auf Stühlen und Bänken. Niemand scheint dieses bauschige Zeug an einen Kleiderbügel hängen zu wollen, der wie so viele andere Dinge ganz allmählich aus der Öffentlichkeit, wenn nicht gar aus der Welt verschwinden dürfte. Das Ablegen als Teil des Ankommens hat wie andere formelle Dinge ausgedient.

    (November 2012)

 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Die Pandemie

Aus dem Corona-Tagebuch „Es handelt sich um einen Abgrund, für dessen Ernst es keine verlässlichen Zahlen - und schon gar keine Worte gibt...“ (Hans Ulrich Gumbrecht) Die Pande

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
  • Facebook
  • Twitter
  • LinkedIn

©2020 Reimers Blog. Erstellt mit Wix.com

bottom of page