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Schwatz zum Sonntag

Die Frage «Kann das schon alles gewesen sein?» setzt voraus, dass es einem irgendwie gut geht. Sie ist ein Trost und eine Aufforderung zugleich. Ein paar Sonnenstrahlen, Sommerfarben, ein laues Lüftchen und die Einsicht, dass noch Zeit bleibt. Achtsamkeit ist das Zauberwort. Für sich selbst und die Welt. Das wünscht sich jeder Psychiater, der seinen Patienten Tabletten verteilt: vom Wrack in eine zufriedene Existenz mit Plänen. Da liegt, falls das Geld reicht, noch ein Abenteuer drin. Oder vielleicht sogar zwei. Das hat man sich fett hinter den Ohren aufgeschrieben. Neulich aber war es einfach wieder Sonntag. Die Luft glitzerte nach ordentlicher Freiheit und gutem Leben. Er sass auf der Terrasse eines Restaurants am Ufer eines Flusses. Enten quakten Sonnengemüt. Er musste an die knusprige Ente mit Honigsauce beim Thailänder denken und lächelte innerlich, während er den Vogel beobachtete, ob der verruchten Vorstellung. Das Gequake wurde lauter, ebbte wieder ab und verlor sich im Lichtspiel über dem Wasser. Jetzt gab es Salat, Kartoffelstock und Hackbraten. Wie viele Tiere hatte er eigentlich schon aufgegessen in seinem Leben? Die Leute um ihn herum kannten sich. Altbekannte Stammgäste. Am Schatten sei es noch etwas kühl, sagte die Frau am Nebentisch. Sie hatte recht. Er verstand etwas vom Wetter und hatte deshalb eine dünne Frühlingsjacke mitgenommen. Das macht die Erfahrung. So passte es. Die Frau nebenan hatte die Neunzig bereits überschritten. Vor ihr auf dem Tisch stand eine Karaffe mit Rotwein. Er hätte auch gern getrunken, verbot sich das aber am Sonntag. Die Alte stammte aus Österreich und musste den Krieg noch miterlebt haben. In den 1960er-Jahren sei sie in die Schweiz gekommen. Eine Kollegin hatte ihr das empfohlen. Sie habe in verschiedenen Spitälern gearbeitet, sei Mädchen für alles gewesen. Erst habe sie in Bern gelebt, sei dann aber an den Rhein gekommen. Die Kosten für eine Aufenthaltsbewilligung seien hier wesentlich tiefer. Mittlerweile sei sie eingebürgert. Was die von der Behörde alles von ihr hätten wissen wollen! Etwa, ob sie in einem Verein Mitglied sei. Die Frau lachte und genehmigte sich einen grossen Schluck, bevor sie den Mund mit der Serviette wischte. Nach Wien fahre sie nur noch selten. Ihre Schwester wohne zwar da, sei aber dement. Was solls also? Zudem sei ihr die Fahrt mit dem Zug zu beschwerlich. Gerade mit ihrer Gehhilfe sei an weite Reisen nicht mehr zu denken. Sie sei zufrieden und dankbar für das, was sie habe. Das Geschwätz der Frau begann ihn zu nerven. Er mochte diese Sonntage einfach nicht. Der Gedanke an die nächste Sauferei tröstete ihn und eine Ente quakte lauthals.

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