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Die Heimat in der Heimatlosigkeit

Wer an eine Gemeindeversammlung geht, gehört wohl irgendwie dazu. Ist im Herzen der Gesellschaft angekommen. Oder war schon immer dort. Jener weiss, welche Debatten in den Neunzigern um eine neue Strassenbeleuchtung geführt wurden, wer sich vor zehn Jahren für die Schulraumplanung ausgesprochen hatte und wer dagegen, jener kennt die Geschichte der Fussgängerbrücke beim Kreisel am Dorfeingang, deren Sanierung immer wieder zurückgestellt wurde. Das war eine leidige Geschichte. Ein Bürger macht seinem Ärger Luft: «Die Verhinderer von einst sind die Stänkerer von heute!» Dabei hatte er damals immer wieder darauf hingewiesen, dass eine Sanierung nötig, gerade für den Winter lebenswichtig sei. Es wäre einfach zu machen gewesen. Dass man jetzt, wo die Gemeinde finanziell darbe, tief in den Geldbeutel greifen müsse, um das Bauwerk überhaupt wieder gangbar zu machen, sei eine politische Blamage. Gerade in Zeiten, in denen alle ihren Gürtel enger schnallen, die Fasnacht, das Eierlesen und etliche Vereine sehen müssten, wo sie blieben, müsse man sich fragen: «Wie will der Gemeinderat das dem Steuerzahler erklären?» Es tuschelt im Saal: Der fürs Geschäft zuständige Gemeinderat gehört derselben Partei an, die einst lauthals gegen die Sanierung das Referendum ergriffen hatte. «Das hat doch ein Gschmäckle.» Gelächter und Applaus. Es ist ein Spass. Der gescholtene Gemeinderat verwirft die Hände, schüttelt seinen Kopf und atmet schwer. Man könne doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, Herrgott! «In meiner Funktion heute bin ich teil der Exekutive, das Wohl der Gemeinde kommt an erster Stelle, Parteipolitik steht hinten an. Das wissen Sie, werter Kollege, doch genau.» Man schmunzelt. So werden hier Differenzen ausgetragen. Reden kann man immer. Es geht uns gut. Nur schade, dass immer weniger Leute kommen. Er, mutterseelenallein auf der Seitenbank für Medienvertreter, hätte im Schlaf mitschreiben können. Wie viele Gemeindeversammlungen hatte er schon gesehen? Eigentlich nahm er sich stets vor, solche Aufträge nicht mehr anzunehmen. Doch er war einer der letzten dieser Art. Ein paar Zeitungsschreiber brauchte es noch. Meist wurde er vom Präsidenten der Gemeinde begrüsst, sein Name genannt, seine Anwesenheit verdankt. Das kam ihm immer seltsam vor. Was hatte sein Name an einer Gemeindeversammlung zu suchen? Ob ihn jemand erkannte? Die Leute schienen ihm nicht feindlich gesinnt. Manchmal lugte eine Hand über die Köpfe und winkte ihm zu. Er winkte zurück, ohne zu wissen, mit wem er es zu tun hatte. Früher war er näher bei diesen Leuten gewesen. Da er seinen Artikel bereits fertiggeschrieben hatte, noch bevor die Schau zu Ende war, betrachtete er die Menschen. Ein Mann mit kahlem Schädel und einem freundlichen Gesicht, der mit seiner Frau zur Versammlung gekommen war, sah zu ihm hinüber und lächelte so, als wolle er sagen: Ich gehöre auch nicht dazu. Wir verstehen uns. Freilich war er als Zeitungsschreiber gerade dazu angehalten, nicht dazuzugehören. Wie hiess es doch in der Journalistenschule: Dabeisein, aber niemals dazugehören. Aber er liess seine Gedanken wandern und stellte sich vor: Wie wäre es, gehörte er dazu? Als Präsident der Dorfmusik wäre er heute zur Versammlung gekommen, um mehr Geld für seinen Verein zu beantragen. Oder er sässe hier unter den Stimmberechtigten, käme sich wichtig, als Teil eines Ganzen vor. Aber, war das nicht Schnee von gestern? Der Zug war doch abgefahren. Sowohl für die Gemeindeversammlung als auch für ihn. Es war schon fast Nacht, als er heimwärts ging. Am S-Bahnhof musste er lange warten. Offenbar gab es einen Personenunfall. Schon wieder.

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