Das Brillenrezept
- Caspar Reimer
- 12. Nov.
- 1 Min. Lesezeit
Zahlt die Krankenkasse die neue Brille? Oder zahlt sie nicht? Was nach Alltag klingt, ist für den Unglücklichen, dem das Fünfrappenstück letztes Hemd ist, die Frage über Verdruss oder Fröhlichkeit, schwarz oder weiss, Hölle oder Himmel.
Er hatte das Brillenrezept eingereicht, einige Wochen ist’s her. Freilich könnte er nach seinen Rechten sehen, sich schlau machen darüber, wann, warum, wie und zu welchen Bedingungen die Krankenkasse zahlt. Doch der Arme handelt nicht mehr. Vielmehr lässt er geschehen, wartet ab, nimmt, was so kommt.
Zahlt die Krankenkasse die Brille nicht oder noch nicht, scheint dem Armen allein das Wort Gerechtigkeit zynisch, hasst er, die bei vollem Kontostand davon predigen, aber freilich keine Ahnung haben, tränkt er seine Seele in düsterer Literatur, beginnt zu fühlen, wie das in den 1930er-Jahren in Deutschland, als die meisten Menschen noch schlimmer dran waren als er, passieren konnte.
Zahlt sich Geduld jedoch aus und zeitigt das Brillenrezept eine Kostengutsprache, ist ihm, als hätt’ die Krankenkasse sein Herz still geküsst. So muss sich einst der Gläubige gefühlt haben, der auf bettelnden Knien vom Priester die Absolution erteilt bekam.
Geht’s ihm dereinst finanziell besser und hält dieser Zustand an, wird aus Dankbarkeit das, was man staatsbürgerliche Verantwortung nennt. Deshalb verpasst er keine Wahlen mehr, lässt keine Abstimmung aus. Damit es allen so gut geht wie ihm.

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