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Schlag Dich

Es gibt Leute, die schlagen sich selbst. Der eine ohrfeigt im stillen Kämmerlein, vielleicht sogar unter der Bettdecke, er hat ein intaktes Schamgefühl vor seinem Tun. Den anderen trifft es wie der Blitz, in einer schlimmen Situation, bei Trunkenheit oder im Katzenjammer. Nun gibt es auch solche, die schlagen zu in aller Öffentlichkeit, am helllichten Tag, stossen dabei wüste Drohungen oder schlimme Beschimpfungen gegen sich selbst aus. Neulich erzählte mir ein Bekannter, er habe im Tram einen Mann beobachtet, kräftig gebaut wie ein Schwingerkönig, einer, der einem das Fürchten lehren könnte. Dieser Mann, der, jetzt erinnere ich mich an die Worte des Bekannten, wie ein Meister Proper ausgesehen habe, ohrfeigte sich selbst heftig und stiess dabei beleidigende Schimpfworte und Fäkalbezeichnungen hervor, wobei er damit offensichtlich sich selbst meinte. Es sei ein Frühlingstag gewesen, die Sonne habe vom blauen Himmel herab geschienen, die Menschen seien guter Dinge gewesen. Das Bild dieses Finsterlings, der sich da schlug und schimpfte, musste besonders unpassend gewirkt haben. Auch sei, erzählte mein Bekannter weiter, das Tun des Mannes in Kontrast zu dessen Statur gestanden: Einer nervösen Bohnenstange, blass, einsam, zittrig, würde man vielleicht ein solches Verhalten zutrauen, bemitleidend abwinken, den Kopf schütteln; aber einem sonnengebräunten Kraftmann, Landsmann wie diesem, einem Lebensretter der Feuerwehr, einem Meister Proper? Der musste doch, könnte man denken, mit beiden Füssen im Leben stehen, solide, rechtschaffen mit Haus und Familie? Wie auch immer, darum geht es mir nicht. Was aber geht, meine Damen und Herren, in so einem Menschen vor, der sich selbst schlägt und beschimpft?


Da ich neugierig bin, wollte ich ebendies wissen, oder vielleicht müsste man eher sagen: fühlen, ja spüren, was es damit auf sich hat. Ich schritt also zur Tat und machte einen Selbstversuch. Dabei achtete ich freilich und wohlweislich darauf, mich nicht zu verletzen, holte dementsprechend nicht restlos aus und drosselte die Geschwindigkeit der Ohrfeige vor dem Aufschlag. Vom Gefühl her kam der Schlag also mehr einem Klaps als einer richtigen Ohrfeige gleich, aber trotzdem: Hätte mich jemand beobachtet, müsste er mich für einen Irren halten. Wer ohrfeigt sich schon selbst? Solches kennt man aus der Irrenanstalt, aus der Spinnwinde, der Klapse. Ich bin zwar, kurze Klammerbemerkung, selbst nicht in einer solchen Institution, aber experimentiere manchmal mit mir: Wie wäre es, wäre ich ein Irrer? Bei solchen Selbstversuchen komme ich leider, und das macht mir etwas Sorgen, den Patienten, wie man sie aus der Psychiatrie kennt, viel näher, als ich das eigentlich beabsichtigt habe. Also, zurück zum Ohrfeigen: Ich will wissen, wie es wäre, würde ich mich ohrfeigen und ohrfeige mich deswegen selbst. Das daraus entstehende Paradoxon, nämlich jenes, dass ich vordergründig nur so tue, aber es letztlich auch tatsächlich mache, führt im Falle der intensiven Erfahrung, die das sich selbst ohrfeigen sicherlich ist, zu einer Irritation.  Es ist, als würde sich das Gehirn selbst aufreiben, in zwei Teile spalten und durch diese Spaltung eine Art nervöse Energie freigesetzt. Es findet eine Wahrnehmungsveränderung statt, die, schiebt man sie nicht brüsk von sich sondern lässt sich auf sie ein, wahnsinnig machen kann. Der Kitzel des Tabubruchs trägt seines dazu bei, man beginnt zu spinnen, steigert sich hinein, kann nicht mehr aufhören und wie bei einer Droge muss es immer mehr und heftiger werden, weshalb im gesteigerten Verlauf die Ohrfeigen alleine nicht mehr reichen und somit die verbale Selbstgeisslung hinzukommt. Armer Tropf, der davon nicht mehr lassen kann.


Noch eine kleine Geschichte dazu aus dem Alltag: Neulich ging ich mit einem Kunden Mittagessen im Restaurant. Nachdem wir die Mahlzeit zu uns genommen und einen Kaffee getrunken hatten, holte ich mein Portemonnaie in der Erwartung hervor, dass er es mir gleichtut. Mein Kunde aber tat keinen Wank, die Arme verschränkt auf der Brust. Um ihm auf die Sprünge zu helfen, bestellte ich die Rechnung bei der Kellnerin. Diese kam bald, sah mir offenbar die gesellige Zahlungsbereitschaft ins Gesicht geschrieben und legte die Rechnung vor mich hin. Ich hätte, meiner finanziellen Situation angemessen, sagen können, «wir zahlen getrennt», das sei, wie ein Kollege, dem ich später von dem Vorfall erzählte, kein Verbrechen. Leider tat ich nichts dergleichen, sondern zahlte die Rechnung für uns beide mit der Konsequenz, dass ich die folgenden zwei Tage am Hungertuch nagen musste. Und ja: Ich hätte mich schlagen können. Vielleicht tue ich es noch. Möglichst hart. Es soll mir eine Lehre sein.

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