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Das Journal 21 und der „Arbeiterpapst“

In stürmischen Zeiten, proklamiert das Onlinemagazin Journal 21, sei ein fairer Journalismus dringend von Nöten. Es will sich von Polemik und Anfeindungen fernhalten und stattdessen fundierte Kommentare und Analysen bieten. Wie sieht das am Beispiel des Artikels über den Papstnamen Leo und über den Namensvorgänger aus dem 19. Jahrhundert des heutigen, erst kürzlich ernannten Papstes, nun aus?

 

Mit der Wahl seines Namens, schreibt Autor Rolf App unter dem Titel „Was ein Papstname zu bedeuten hat“, knüpfe jeder Papst an eine selbstgewählte Tradition an. Man erfährt, Leo XIII. (Papst von 1878-1903) sei ein diplomatischer Schöngeist und die Zeiten damals und heute zwar unterschiedlich, aber so verschieden auch wieder nicht gewesen. Es falle zwischen den beiden manche Parallele auf. Das Konklave, in dem der damalige Kardinal Pecci gewählt wurde, habe nur 48 Stunden, das diesjährige, das den Kardinal Prevost zum Papst erkürt hat, sogar bloss von Mittwoch 10 Uhr bis Donnerstag 18 Uhr gedauert. Pecci, ein ausgesprochen schöner Mann, wie der Autor weiss, sei wie Prevost relativ jung Papst geworden, mit 68 schon. Prevost, gerade 70 geworden, mit 69.

 

Fundiert analysiert ist auch das Folgende nicht, in dem steht, Leo XIII. sei auf „Distanz zu seinem reaktionären Vorgänger“ Pius IX. gegangen, der die katholische Kirche in eine konservative Sackgasse manövriert habe. Aber reaktionär, antiaufklärerisch, ist diese Kirche bis heute, das Wort von der „konservativen Sackgasse“ suggeriert eine Umkehr, die es nicht gab und mit ihr nicht gibt. Es wäre andersherum einmal fair, den vielen Katholiken guten Willens, die bei jeder Papstwahl dem medialem Hype erliegen und auf Fortschritte, Mitsprache, Liberalisierung hoffen, reinen Wein einzuschenken. Pecci vertrat in der Zeit des neuen, liberalen Staates Italien die Ansicht, es widerspreche „der gesunden Vernunft“, das Papsttum einer weltlichen Gewalt unterworfen zu sehen. „Wer für den höchsten Zweck zu sorgen hat, kann vernünftigerweise nicht jenen untergeordnet sein, die für niedrige, nur als Mittel für den höchsten dienende Zwecke wirken.“ In seiner Enzyklika „Immortale Dei“ schreibt er: „Alle öffentliche Gewalt geht von Gott und nicht vom Volke aus.“ In der „Sapientiae christianae“, Untertitel: Über Christen als Bürger, verlangt er „vorbehaltlose Unterwerfung und unbedingten Gehorsam gegenüber der Kirche und dem römischen Bischof, nicht anders als gegenüber Gott.“ Er dekreditiert: „Die unumschränkte Freiheit des Denkens eines Menschen und die öffentliche Bekanntmachung der Gedanken eines Menschen gehören nicht zu den Rechten der Bürger.“

 

Nicht gerade viel Distanz zum reaktionären Denken, nicht eben viel Weg aus der „konservativen Sackgasse“, wie Journal 21 es über Leo XIII verbreitet.  Der von der katholischen Kirche gerne als „Arbeiterpapst“ Gepriesene und auch vom Autor App entsprechend Gewürdigte hat mit Rerum Novarum, der „Mutter aller Sozialenzykliken“, als die sie weitherum gerühmt wird, der „Arbeiterenzyklika“, 1891 die moderne katholische Soziallehre begründet. Gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts erhebt sich die von der industriellen Revolution gebeutelte Arbeiterschaft, die, Männer, Frauen, Kinder, für Hungerlöhne von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr abends schuften muss. Ihr durchschnittliches Lebensalter beträgt in Frankreich nicht viel über 20, in Liverpool 15 Jahre. In Irland verhungert eine Million Menschen, zwei Millionen wandern aus. Überall im christlichen Europa werden die Aufständischen zusammengeschossen oder ins Gefängnis gesteckt. Die Kirche, eisern auf der Seite der Kapitalisten, bekämpft den aufkommenden Sozialismus als „todbringende Seuche“, als „Pest“ (Leo XIII.) bis aufs Blut. In Rerum Novarum schreibt der Papst:

 

> Ob der Mensch an Reichtum und an anderen Dingen, die man Güter nennt, Überfluss habe oder Mangel leide, darauf kommt es für die ewige Seligkeit nicht an; aber sehr viel kommt auf die Weise an, wie er seine Erlösung benützt. Jesus Christus hat durch seine reiche Erlösung keineswegs Leiden und Kreuz hinweggenommen, das unsern Lebensweg bedeckt, er hat es aber in einen Sporn für unsere Tugend, in einen Gegenstand des Verdienstes verwandelt, und keiner wird der ewigen Krone teilhaftig, der nicht den schmerzlichen Kreuzweg des Herrn wandelt. Wenn wir mit ihm leiden, werden wir auch mit ihm herrschen. Durch seine freiwilligen Mühen und Peinen hat jedoch der Heiland all unsere Mühen und Peinen wunderbar gemildert. Er erleichtert uns die Ertragung aller Trübsal nicht bloss durch sein Beispiel, sondern auch durch seine stärkende Gnade und durch den Ausblick auf ewigen Lohn. Denn unsere vorübergehende und leichte Trübsal in der Gegenwart erwirkt uns ein überschwengliches Mass von Glorie in der Ewigkeit. <

 

So spricht ein „Arbeiterpapst“. Er spricht auch von der Eintracht zwischen der besitzenden und der unvermögenden Klasse, weiss, dass sie „überall die unerlässliche Vorbedingung von Schönheit und Ordnung“ sei; „Ein fortgesetzter Kampf dagegen erzeugt Verwilderung und Verwirrung. Zur Beseitigung des Kampfes aber und selbst zur Ausrottung seiner Ursachen besitzt das Christentum wunderbare und vielgestaltige Kräfte.“ Die arbeitenden Stände hätten „vollständig und treu die Arbeitsleistung zu verrichten, zu welcher sie sich frei und mit gerechtem Vertrage verbunden“ hätten. Und was auferlegt er den „Besitzenden und Arbeitgebern“?

 

> Die Pflichten, die hinwieder die Besitzenden und Arbeitgeber angehen, sind die nachstehenden: die Arbeiter dürfen nicht wie Sklaven angesehen und behandelt werden; ihre persönliche Würde, welche geadelt ist durch ihre Würde als Christen, werde stets heilig gehalten; Arbeit und Erwerbssorgen erniedrigen sie nicht, vielmehr muss, wer vernünftig und christlich denkt, es ihnen als Ehre an-rechnen, dass sie selbständig ihr Leben unter Mühe und Anstrengung erhalten. <

 

„Habet auch“, mahnt Papst Leo, „die gebührende Rücksicht auf das geistige Wohl und die religiösen Bedürfnisse der Besitzlosen; ihr Herren seid verpflichtet, ihnen Zeit zu lassen für ihre gottesdienstlichen Übungen.“

„Die Moderne dieses Papstes war nicht mehr das Zeitalter der Finsternis“, behauptet Journal21. Ich überlasse dem Leser die Vertiefung dieser Analyse.

 

 

 

Quellen:

Rerum Novarum, Enzyklika Leos XIII.

 

Karlheinz Deschner: Die Politik der Päpste.

Vom Niedergang kurialer Macht im 19. Jahrhundert bis zu ihrem Wiedererstarken im Zeitalter der Weltkriege.

2013, Alibri Verlag Aschaffenburg.

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