Hicks und Klicks
- Daniel Costantino
- 21. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Jan.
Ein Trip auf online
Es soll ja sein, man informiert sich: Trump gestartet, hipp, Trump gelandet, klick. Jetzt ist er grad in Davos. Yippee! Gott ist stolz auf Trump. Auf Amerika regnets money, Rosen auf Davos. Und auf die Medien Klicks. Hicks! Denn immer findet jede Zeitung damit grössere Verbreitung. Wie Maden im Speck. Dass sie draufhaut und frisst, womit man sie stopft. Vorallem online.
Doch wenn er grad einmal nicht kann - spielt er noch Golf? - und für Gaza und Grönland und alles das keine Zeit hat, dann geht online auch so:
Kletterer besteigt ungesichert Hochhaus. Wenn er fällt, stirbt er - und die Welt schaut in Echtzeit dabei zu.
Ins Auge sticht eine digitale Zeitung so schnell, wie die Nase Luft ins Hirn zieht. Ob Trump oder was, Politik oder Sport. Grad wenn einer fällt, dann schreit er. Oder der Weltkrieg. Wie Linien werden die Sätze gezogen, soviele bis einem schlecht wird vom Flash. Dann bekommt man einen Kater und trockene Säfte.
Am 23. Januar will der Kletterer Alex Honnold ungesichert auf den Taipei 101 in Taiwan klettern - live vor einem Millionenpublikum. Es stellen sich die Fragen: Wie viel Risiko darf ein Mensch eingehen? Und wer entscheidet darüber?
Das Bild einer Redaktorin mit Schwerpunkt Kultur, Literatur und Gesellschaft gibt dem Text ein Gesicht. Aber es folgen Titel aus Stuss, Leads für die Füchse, Wiederholungen für zeitknappe Leser, Konjunktionen aus Gips und das hippe Disneyland mit tütenvoll Kommas, um Gänse zu füttern - Premier Access Ultimate das alles. Von einer Redaktorin kann das nicht sein. Das ist doch Chatbot, allpott. Zu was überhaupt noch das Bild, weiss vielleicht der Presserat.
Die zentrale Frage bleibt, ob ein solch lebensgefährlicher Aufstieg überhaupt live inszeniert werden sollte - und wo genau die Grenze zwischen sportlichem Wagnis und medialer Verantwortung verläuft.
Nicht fünf Prozent Text, schon Wiederholung. Eigentlich wie bei Trump. Und die Wiederholung noch einmal zusammengefasst für die Koksnase, die Zeit sparen soll, ihre Zeit aber damit verliert. Denn die Hauptsache, nach geduldigem Rollen, kommt ja am Schluss, vielleicht die Frage, die bleibt, obwohl niemand sie stellt. Scrollen, soviel vergeudete Zeit darf jetzt auch noch sein:
Die drei Fragen, die sich um das Vorhaben stellen, lassen sich nicht final beantworten. Man kann pro und contra abwägen, über Vorbereitung, Schwierigkeit und Wahrscheinlichkeiten sprechen – und trotzdem bleibt ein Unbehagen, das sich nicht wegrechnen lässt: die Frage nach der Grenze. Irgendwo in all dem verläuft eine Linie, ohne dass man genau sagen kann, wo. Am Ende wird sie nicht in den Kommentaren gezogen, auch nicht in Alex Honnolds eigener Einschätzung oder der von Expert*innen.
Der Weg ist manchmal das Ziel. Und das Ziel ist das Delirium, an dessen Rand tatsächlich die Frage auftaucht, oder beinah, die am Anfang nicht war; jedenfalls: gestellt waren zwei, liegengeblieben sind drei. Ein Hund hat am Weg sein Geschäft hingemacht: Darf man darüber berichten? Darf man von Trump so berichten? Stinkts nicht ein wenig? Oh! ich verwechsle etwas. Die Artikel sind so austauschbar! Noch eine Linie! Klick!
Ja, austauschbare fidele Portale sind das, das wollt ich sagen, sniff, die zur Warnung beschreiben, was sie selber betreiben und in solchen Geschäften keine Verantwortung riechen, sondern nur den Haufen, den sie selber drauf machen. Zum Beispiel den Hinweis auf die Live-Übertragung bei Netflix, Skyscaper geschrieben statt Skyscraper. Nicht vom WEF, kuckuck! vom Hochhaus da, dem Andern, dem Typ da red ich. Sniff! Oh, irgendwo verläuft meine Linie? Eine Frage danach? Nicht in den Kommentaren gezogen? Welche Kommentare? Rollen! Der Text ist gestreckte Scheisse zum Reinziehn.
Und gibt mir noch Saures mit Tschender: Klettererinnen. Erer - - Er*innyen. Sind das Sirenen? Ich kann nicht mehr. Schon jetzt nicht mehr. Aphroditen? Hilfe, ich törne mich ab.
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