top of page

Das Schachbrett des Wahnsinns

Wenn er schreibt, treibt ihn die Schwulst, wenn er spricht, sticht ihn der Hafer. Auch da dreht er auf, Sprechen als Vorstufe zum Schreiben. Den Werterhalt des Vermögens schützen, sagt er etwa. Und wie er den Erhalt schützt statt der Sache selbst, führt er einen Dialog ohne zu sprechen, ohne ihn auszusprechen, heisst das: einen „unausgesprochenen Dialog mit dem Publikum“. Man könne nicht einfach nur an der Oberfläche herumsurfen, redet er weiter, man müsse sich grundsätzliche Fragen stellen, „mit dem ,Übergwandli‘ in diese Abgründe hineinsteigen und mit der Taschenlampe der reinen Erkenntnis versuchen, etwas Übersicht zu schaffen im allgemeinen Dunkel, im Tohuwabohu der Gegenwart.“ Nun sind, aus dem Nichts, diese Abgründe da, wo eben noch eitel Herumsurfen war. Und die Taschenlampe der Erkenntnis, reinen Erkenntnis, im Tohuwabohu des Dunkels. Man ist froh, sucht er die Erkenntnis nicht auf dem Baum. Die Abgründe lägen noch tiefer.

 

Ein wenig gleicht Roger Köppel, um den und dessen Videokanal der Weltwoche es hier geht, einer KI, auch er halluziniert die Metaphern. Seinen Wahrscheinlichkeiten von Kopf und Deutsch entspringt zuverlässig das unwahrscheinlichste Bild und imitiert einen Gedanken, der sich von Satz zu Satz wieder vergisst. Wie die KI keine Moral kennt, kennt auch sein Reden keine und will folgerichtig beim Fall von Königsberg 1945 („Höllensturz“) „nicht in den rückwirkenden Moralismus einsteigen.“ Köppels Verfahren kopiert Bilder ohne Kontext und setzt Vergleiche ohne ein Wahr oder Falsch. In manchen Passagen wird nicht recht klar, worüber genau er eigentlich spricht, ein Wort hängt er telquel ans nächste und telquel wieder ans nächste und wiederholt das immer so weiter, telquel, bis seine Sätze in Girlanden und Schleifen irgendwo enden, meistens im Dunkel, wo auch seine Taschenlampe nicht mehr hinleuchten kann.

 

Und wie ein Ausbund künstlicher Intelligenz behauptet Köppel und schwellt seine Brust, „mit intellektueller Eleganz die Dinge analytisch zu erfassen“. Was gleich darauf, es geht um den 2. Weltkrieg, so herauskommt:

 

> Was ist denn damals eigentlich schiefgegangen? Wieso ist diese grossartige Zivilisation in einem brodelnden Hexenkessel von Verbrechen und Krieg zuschanden geritten worden, hat sie sich selber zuschanden geritten? Darüber sind ganze Bibliotheken vollgeschrieben worden. Aber für mich als Schweizer ist die entscheidende Lehre: Man darf einer Regierung nie trauen. Man darf einer Regierung nie zuviel Macht geben. Macht ist das Gefährlichste. Und wenn Politiker alle Macht an sich reissen, ja dann ist die Korruption, dann ist die Missbrauchsgefahr am grössten. Und dieses Vertrauen in die Genialität einer Führungspersönlichkeit wirkt sich in der Politik oder kann sich in der Politik extrem fatal auswirken. <

So ist das. Köppels Schweizertum gegen ganze Bibliotheken. Doch was für ein brodelnder Hexenkessel von Geschichtslehrer ist an ihm verloren gegangen! Und mit der Genialität von Führungspersönlichkeiten kennt er sich als Parteigänger der SVP wohl aus. Freilich - wir wüssten ja nicht, was wir getan hätten, räumt er gegen uns ein. „Also seien wir vorsichtig im Ausrollen des moralisierenden Zeigefingers.“

Ist das schon echte künstliche Intelligenz? Oder immer noch Eleganz des Intellekts? Er fährt fort:  „Und auf einer zum Glück viel weniger fürchterlichen Stufe beobachten wir ja heute die gleichen Fehler wieder, nicht zuletzt in der Europäischen Union, die ja ironischerweise angetreten ist, die institutionell gewordene Überwindung dieser Fehler zu sein...“

Achtung, jetzt fällt er gleich von der Stufe runter.

> Nie darf man vorauseilend die Regierungen machen lassen. Das ist ganz gefährlich und man ist dann schnell auf einer abschüssigen Bahn und findet sich dann plötzlich in Realitäten wieder, wo man gar nicht gedacht hätte, dass man dort ist. <

Wo ist die Taschenlampe?

 

Auch ein blindes Huhn findet manchmal ein Körnchen. Ein Affe tippt einen kurzen richtigen Satz, wenn man ihn lange genug auf der Schreibmaschine herumklimpern lässt. Und aus Milliarden und Abermilliarden von Daten, sternenstäubende Umlaufbahnen menschlicher Idiotie, filtert eine KI plötzlich etwas Relevantes heraus, was sie allerdings sofort mit ihrer eigenen Idiotie wieder wegrelativiert. Köppel, der sich nicht nur anschaut, „was wir hier auf unserer westlichen Schallplatte abspielen“, sondern versucht, „auch immer wieder in die andere Geländekammer zu blicken“, wird deutscher „Jubelmeldungen“ fündig, das russische Militär sei in Rücklage geraten. Auf der anderen Seite, Geländekammer Moskau, fischt er heraus, man sei mit Putin unzufrieden, weil er zuwenig dagegen unternehme. Das gibt ihm Anlass zu höchster Besorgnis, „ denn wenn man eine Atommacht, eine Grossmacht in Rücklage, in Schwierigkeiten bringt, dann ist ja die Wahrscheinlichkeit immer grösser, dass sie dann zu ihren gefährlichsten Waffen greift.“

Mit intellektueller Eleganz ist das immer noch nicht gesagt, aber für einmal stimmt man ihm zu. In Köppels Heuhaufen hat sich eine Nadel gefunden.

 

Mit gefesselten Händen führe Putin den Krieg, will Köppel wissen. Aber er sagt es viel analytischer: mit beidseits gefesselten Händen. Wenn man den Bären zu lange reizt, wird er zuschlagen. Doch bei Köppel wird ihm mit einer glühenden Eisenstange in der linken Augenhöhle herumgestochert. Was andern ein Moralismus, ist ihm ein Moralismus der Selbstgereichtigkeit und, einen Schnauf später, „dieser Kult der Eskalation des Moralismus“. Der nüchterne Analytiker, der er sein will, der seriöse Handwerker im Übergwandli, erkennt die Chinesen nicht einfach als die Meisterspieler an einem Schachbrett. Er zimmert ein „Schachbrett des Wahnsinns“ daraus. Und weil ihm das immer noch nicht zur reinen Erkenntnis gereicht, stellt er die Spieler gleich auf das Brett, kramt die Taschenlampe aus dem Gwandli hervor und halluziniert in ihrem käsigen Lichtkreis nun die Chinesen als „die Meisterschachspieler auf diesem Schachbrett des Wahnsinns, das wir da beobachten.“

Wir beobachten also das Brett, nicht die Partie. Das Brett vor Köppels Kopf.

 

Es gibt die Weltwoche auf youtube Daily CH, Daily DE, als Weltwoche Live und in diversen Spezialformaten. Überall knipst Knöppel mit seinen Erkenntnissen herum, ohne „in den selbstherrlichen Dogmatismus der Journalisten“ zu verfallen, führt er Dialoge ohne zu surfen, Gespräche ohne zu denken und den Zeigefinger, ohne ihn auszurollen.

Kein einziges Mal.

-


Quell der Erkenntnis:

Weltwoche Daily DE vom 8.5.2026 - Merz rückt Deutschland ins Visier Russlands.

Verwandter Artikel:

Bims und Bums im Bundeshaus (reimerblog vom 23.12.2021)

 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Hicks und Klicks

Ein Trip auf online Es soll ja sein, man informiert sich: Trump gestartet, hipp, Trump gelandet, klick. Jetzt ist er grad in Davos. Yippee! Gott ist stolz auf Trump. Auf Amerika regnets money, Rosen

 
 
 
Ein Mörder läuft um

(wenn der „Blick″ nicht aufpassen würde) Der schauderhaften Frage, ob auch der kaltblütigste Mörder das Recht habe, eines Tages wieder in Freiheit und auf uns rechtschaffene Bürger losgelassen zu werd

 
 
 
Repepe-tetiti im VBS

Es gibt den Kitsch, es gibt das Machwerk und es gibt die digitalen Medien der Schweizer Armee. Sichtlich gesonnen, Mitarbeiter und...

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
  • Facebook
  • Twitter
  • LinkedIn

©2020 Reimers Blog. Erstellt mit Wix.com

bottom of page