Den Anderen verstehen
- Caspar Reimer
- 5. Nov. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Es lohnt sich, den Anderen zu verstehen, seine Beweggründe zu kennen. Was im persönlichen Umgang einer Binsenwahrheit gleichkommt, tut Not in der Politik. Spricht man über den russischen Angriff auf die Ukraine, ist der Hinweis darauf, dass sich der Wertewesten konsequent in die Politik souveräner Staaten einmischt, seine Interessen dort mit Geld oder Gewalt durchsetzt, kein «Whataboutismus», sondern das, was man in der Psychologie eine Spiegelung nennt. Aktuell und beispielhaft ist das Auffahren US-amerikanischer Kriegsschiffe vor der Küste Venezuelas unter dem fadenscheinigen Argument der Drogenschmugglerbekämpfung. Was die USA in Venezuela anstreben, ist nichts anderes als ein Regimewechsel, eine gewaltsame Durchsetzung eigener Interessen – und das notabene in einem souveränen Land. Dabei ist diese Aggression nicht typisch Trump, sondern die imperialistische Gangart, wie sie sich durch die ganze US-Geschichte zieht. Gewiss gaben sich andere amerikanische Präsidenten mehr Mühe, die Interventionen, die auf russisch Spezialoperationen heissen, in ein nettes Mäntelchen zu kleiden.
Das sture Festhalten an der eigenen Position, die Dämonisierung des Feindes und das altbekannte Ablenken politischer Unfähigkeit durch einen Hurrapatriotismus haben vor jetzt mehr als hundert Jahren in den Ersten Weltkrieg geführt. Dass eine Verständigung mit Russland möglich ist, ja von dort sogar erwünscht wurde, zeigt etwa der Friedensvertrag von Rapallo nach dem Ersten Weltkrieg, durch den eine Verständigung zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion, sprich Russland, einsetzte. Dass es Deutschland war, das den Kontinent später erneut mit einem Krieg überzog, den 27 Millionen Menschen in der Sowjetunion mit dem Leben bezahlten, sollte jeder deutsche Politiker bedenken, der heute von einem russischen Vernichtungskrieg spricht.
Bei dem, was ich hier zum wiederholten Mal beschreibe, geht es nicht darum, etwas zu relativieren. Auch persönliche Präferenzen spielen keine Rolle. Vielmehr ist es eine Blaupause, den Konflikt durch die Augen des Anderen zu sehen. Dies wäre eine Basis für ernstgemeinte Verhandlungen.
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