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Die Steinzeitdebatte

Wer die Debatte um den Zivildienst in der Schweiz seit dreissig Jahren kennt, wird merken, dass sie alle paar Jahre kurz aufflammt, durch die öffentlichen Kommentarspalten geistert und bis zum Zeitpunkt, an dem ein Militär- oder Milizgremium wieder dran zäuselt, unauffällig dahinmottet. Nun ist sie Ende September mit den Beschlüssen von Bundesrat und Parlament zur Verschärfung des Zivildienstgesetzes (dagegen das Referendum Nein zum Angriff auf den Zivildienst) aber hoch wieder aufgelodert, vom selben Ruch und denselben Winden getragen wie eh und je. Die Dialogplattform des Schweizer Fernsehens spiegelt die ebenso unverrückbaren wie brüchigen Argumente ihrer News-Leserschaft wider, und die Leserschaft spiegelt ebenso die unverrückbaren und brüchigen Argumente des Schweizer Fernsehens vor dreissig Jahren wider. Immernoch und immernoch, in vielen anderen Spalten auf SRF und anderswo ist es nicht anders, und es wird mit anderen Fragen, etwa ob Russland eine Bedrohung für Europa darstelle, in dreissig, fünfzig oder hundert Jahren so sein. Viel Hohles, Verstelltes, Verlognes, drehe der Wind sich nach rechts oder links, dominiert die Debatten, erstickt das Wesentliche und bläht Dinge auf, die der Aufblähung nicht wert sind. Am Ende strotzen die Geschichtsbücher, den Siegern kanns recht sein, von all dem Verbogenen. 

Aber was heisst, der Aufblähung nicht wert sein. Am Aufgeblähten entzünden sich Kriege, die Wertschöpfung schlechthin, derweil und danach, wenn alles in Trümmern liegt. Fukuyamas These vom Ende der Geschichte war, als er sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ausgab, ebenso lächerlich wie beim Fall der Berliner Mauer.

 

In den Niederungen der Schweizerpolitik will man das Katzundmausspiel der Gewissensprüfung für den Zivildienst wieder einführen (das ist noch nicht beschlossen) und holt dazu den alten Drückeberger aus der Versenkung. „Natürlich kann ich verstehen, dass man lieber in einem Spital arbeitet oder Pflanzen ausreisst, als dass man an der Front steht und sich abschiessen lässt.“ Jacqueline de Quattro von der Sicherheitspolitischen Kommission, mustergültig. Ihr ganzes Interview mit dem Schweizer Fernsehen führt von der Steinzeit bis in die Steinzeit. Denn die Gegenwart ist die Steinzeit.

Mit einiger Grobjustierung arbeitet auch die Zivildienstbehörde, seit es sie gibt. Zwei frühere Gewissensprüfer, Mitglieder der von ihr damals aufwendig zusammengesetzten und geschulten Prüfungskommission, kommen dem Schweizer Fernsehen noch sechzehn Jahre nach deren Abschaffung mit den alten Kamellen, dem reinsten Behördensprech von damals. Die Gewissensprüfung sei keine Prüfung gewesen, um richtig und falsch sei es dabei nämlich garnicht gegangen. Darüber haben Hühner wie ich, welche sich die ablehnenden Bescheide herausgepickt hatten, schon damals gelacht. Und an der Legende einer vielfältig zusammengesetzten Kommission „aus der Breite der Bevölkerung“, wie man suggerierte, ist zwar von allem Anfang an gestrickt worden. Aber realisiert wurde die Vielfalt nie. In der ersten Kommission sassen, aus 2000 Bewerbungen erkoren, etwas über 60 Mitglieder, darunter ein einziger Handwerker, der sich selber als Quotenhandwerker bezeichnete. Die beiden Interviewten haben noch immer nichts gemerkt. Sie singen das alte Lied von den jungen Handwerkern, die da wie ein offenes Buch und völlig unverkopft vor ihnen gesessen hätten. Denn die hätten das Problem „zupackend gelöst und sich nicht“, wie zum Beispiel die Maturanden, „in Theorien verstiegen.“ Man wird fast nostalgisch davon. Schade eigentlich, dass sie in ihren eigenen akademischen Reihen nur einen einzigen von solchem Kaliber hatten.

 

Dafür und dagegen im Rampenlicht, so soll es sein in der Demokratie. Die beiden früheren Kommissionsmitglieder möchten die Gewissensprüfung dann trotzdem nicht zurückhaben: „Keine alten Hüte wieder auspacken.“ Nationalrätin de Quattro von der SiK umso lebhafter: „Schauen Sie in unsere Nachbarstaaten. Alle müssen aufrüsten.“ Also weniger Zivis und mehr Soldaten, das Steinzeitrezept. Man hat den Eindruck, beide Parteien seien es nicht gewohnt, über die Dinge nachzudenken. So erklingt denn die alte Leier, in Dur und in Moll, wie sie immer erklang. Mit falsch gestimmten Saiten. Sie werden hinter der Bühne verbogen, hinter dem Vorhang. Wer vorne spielt, weiss wenig davon. Das Verbogene kommt aus dem Verborgenen.

 

 

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