Den Russen verstehen
- Daniel Costantino
- 20. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Igitt. Warum fällt mir auch dieser Titel ein. Einfach so ein. Will etwas schreiben, guck in die Luft, und bevor ichs noch recht überlege, ist der bescheuerte Titel schon da. Wie aus dem Nichts. Gut, was kann ich dafür. Doch gewiss weniger als der Russe für seine Einfälle. Ich mach ja keine Überfälle daraus. Zudem denke ich Deutsch.
Ausser man hätte mich, sagen wir, nach meiner Geburt im Spital vertauscht. Nottaufe, Mutter halbtot, und ich bin plötzlich das Kind einer russischen Touristin. Am Ende aus Petersburg. Dann dächte ich Russisch. Wäre Petersburg, Russe, Schaum vor dem Mund. Wäre noch was übriggeblieben von mir?
Zwar wäre ich noch lange nicht einer wie Putin. Das Schicksal hätte noch an den Jahrgang denken müssen und den richtigen Storch. Für kosmische Kräfte ein Leichtes. Aber nehmen wir Vorlieb mit der Touristin, solche Vertauschungen gibts. Wir näherten uns immerhin an. Wir sprächen jetzt Russisch und verstünden auch Putin schon besser. Also ich, will ich sagen. Nur ich. Plötzlich wäre einer wie ich ein Putinversteher.
Wer hätte das gedacht. Ich bestimmt nicht, ich wäre ein Kind in Petersburg und dächte mir garnichts dabei. Man würde mich lehren: einiges Vaterland oder wie man sowas dort nennt. Grande Nation, Gelobtes Land oder Rüttli. Die Touristin würde mich christlich erziehen, Prügel hab ich auch hier bekommen. Schöne Berge haben die Russen ganz bestimmt auch und allerlei Papperlapapp. Wahrscheinlich mehr als vier Sprachen. Etwas weniger Schokolade, das leider. Weniger gute. Die Freiheit der Presse? Wer interessiert sich dafür. Meine Eltern in Bern sowieso nicht. Die teilen die Meinung der Mode, die Russen die Meinung der Oligarchen. Viel Unterschied ist da nicht. Von den ganzen anderen Medien heutzutage zu schweigen. Nein, mir ginge es gut.
Mein Schicksalsgenosse lebte in Bern und denkt sich auch nichts dabei. Ich meine den Russen, den sie meiner halbtoten Mutter untergeschoben haben. Inzwischen geht es ihr besser. Man lobt ihre Erziehung, sie hat ein braves, guterzogenes Kind! Die blauen Augen hat es vom Grossvater. Und so schöne Aufsätze schreibt es! Wie die Tante in Zürich, die hat auch die besten Schulaufsätze geschrieben. Nur Vater kommt manchmal ein bisschen ins Grübeln.
Ist nur so ein Einfall. Ich will nichts gesagt haben damit. Ich bleibe ja hier und kann mit dem Stimmzettel wedeln. Das arme Schwein ist der andere. Der wird nicht abstimmen können und drum endlich merken, wie unfrei er ist. Und wie unfrei seine Touristin. Dann wird er bestimmt keine schönen Aufsätze mehr schreiben. Wohingegen in Bern - da bin ich demokratisch geworden. Kein Kommunist wie der andere, das waren ja noch diese Zeiten. Ich wäre mir viel zu schade gewesen dafür. Nie im Leben hätt ich Russisch gelernt! Schon Latein in der Schule hat mich fertiggemacht. Dann hab ich die Matura geschmissen, er hätte das vielleicht auch. Möglicherweise wegen Latein. Ich könnte das verstehen. Vielleicht hat er das auch. Oder hätte er dort garnicht die Chance gehabt? Dauernd hab ich die Stelle gewechselt, im Unterschied zu ihm, der sich das nicht leisten kann. Was ich auch oft getan habe. Wir verstünden einander. Kommunist wird er keiner mehr sein. Auch in Bern wäre er keiner gewesen, so kommst du ja nicht auf die Welt.
Also... irgendwie gleichen wir uns, der Russe und ich. Oder? Er ist immerhin mein vertauschter Bruder. So schnell kann das gehen, so leicht. Und doch ist etwas übrig in uns, was immer schon da war. Ich meine in uns allen, wer weiss.

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