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Der Rentner


Man sei so alt, wie man sich fühle? - Man fühlt sich doch immer irgendwie, bloss nicht in einem bestimmten Alter.

    (November 2014)

 

    Man schaut sich die Andern unterschiedlichsten Alters an und reiht sich dann mehr oder weniger energisch irgendwo ein: Man ist noch im Angebot.

    (Dezember 2014)

 

    Der bevorstehende Ruhestand

 

    Ich kann mir darunter wenig vorstellen, weniger noch als damals nach Schulabschluss unter dem „Ins-Leben-hinaus“.

    (Mai 2015)

 

    Sich alt fühlen: z. B. bei der Vorstellung, dass ein Handstand, bei dem man eben einen Knaben beobachtet hat, für einen selber tödlich enden könnte.

    (Herbst 2015)

 

    Pensioniertenessen

   

    Die Gewerkschaft hat geladen, und die alten Knaben kommen. Doch mir scheint, sie hätten alle so was Trostloses an sich, wären augenfällig „Ehemalige“ in jedem nur denkbaren Sinn. Der eine oder andere ist wohl noch immer strammer Linker oder sonst was Vergleichbares.

    Den Grappa übrigens, den sich einige zum Kaffee bestellen, müssen sie selber bezahlen. Das hat wohl, denke ich, seine Richtigkeit.

    (Juni 2016)

 

    Pensionierung. Ein Tagebuch

 

   Als ich heute in der Firma sagte (aussprach!), dass ich, ausstehende Ferienzeit angerechnet, noch drei (3!) Tage arbeiten würde, erschrak ich beinahe ob meiner Rede, als hätte ich einen Fluch ausgesprochen.

    Die Anwesenden nahmen’s gelassen.

    (8.6.16)

 

    Als ich bemerkte, ich stünde nun unmittelbar vor der Pensionierung, sagte ich das in einem Ton wie jemand, der verkündet, er habe soeben eine Prüfung bestanden.

    (11.9.16)

    Ein eigenartiges Gefühl: Morgen ist mein letzter freier Tag vor meinem allerletzten Arbeitstag.

    Ich werde diesen Tag nicht verplanen, ich kann ja alles auf übermorgen oder noch weiter verschieben. Und so wird dieser letzte freie Tag also zum „Tag der grösstmöglichen Freiheiten“ - einem Gedenktag aus der Zukunft?

    Wie auch immer: einem besonders sinnlosen Tag wie alle Gedenktage, ob nach vorn oder nach hinten.

    (12.9.16)

 

    Letzter Arbeitstag. Ich habe doch tatsächlich so etwas wie Lampenfieber. Die Firmenleitung hat was zu essen organisiert; ich selber habe damit nichts zu tun gehabt. So kann ich locker in die Runde plaudern, als wäre nichts geschehen, bzw. als wäre nichts im Begriff, geschehen zu sein... Ich schüttle Hände, wie’s gerade kommt.

    Das war also mein letzter Kartoffelsalat an diesem, bald jedoch: jenem Ort.

    (14.9.16)

 

    Ich bin jetzt also pensioniert, aber nicht plötzlich alt (geworden). Und mein Junggesellentum wird deutlicher akzentuiert; man ist, geradezu spürbar, allein: Kein permanentes Zuzweit gefährdet den häuslichen Frieden.

    (15.9.16)

 

    Zwei Tage Ruhestand, nichts (eigentlich) Neues zu vermelden: Ich war noch keine Sekunde lang - anders.

    (16.9.16)

 

    Tag drei der Pensionierung. Das ist ein Samstag mit wenig Hausarbeiten und Besuch am Abend. Das war schon früher häufig so.

    Und was ist mit morgen Sonntag? Den Sonntag, den lass’ ich wie gewohnt besonders sein: Tag des Herrn und seines Junggesellen.

    (17.9.16)

 

    Hallo Alter! Vor einer Woche war dein letzter Arbeitstag, erinnerst du dich?

    (21.9.16)

 

    Morgens, beim Blick aus dem Fenster: Schön, bist du aufgestanden!

Und sich dabei fühlen, als käme die kleine Ansprache von draussen.

    (26.9.16)

 

    „Ach, ich hab’ ja Zeit!“ (Das geht jetzt immer so weiter.)

    (13.10.16)

 

    Noch immer umgibt (umschwebt) mich abends nach Fünf der Geist des Feierabends. Der Rest ist Freizeit minderer Güte.

    (19.10.16)

 

    Sonntag. Schön, dann ist morgen Montag. Und der Montag ist anders, auch für Pensionierte, falls die nicht vergessen haben, in würdiger Haltung die Tage zu sondern.

    (30.10.16)

 

    Wie war das früher sonntagabends nach dem Fernsehkrimi? „Montagsblues“ nanntest du jenes Gefühl des Unbehagens, das sich einstellte beim Gedanken an den folgenden Tag, den ersten der neuen Arbeitswoche. Obwohl dir klar war, dass du, spätestens vor dem Kaffeeautomaten, mit andern plaudernd, darüber lächeln würdest.

    Alles hat seine Zeit: der freie Sonntag, der Blues, die Arbeit, der Kaffeeautomat, das Lächeln.

    Hatte!

    (13.11.16)

 

    Heute schneit’s unverhofft. Ich ergreife die Gelegenheit, mich darüber zu freuen.

    (2.1.17)

 

    Habe mir warme Winterschuhe gekauft. Danach bin ich, ohne besonderes Interesse an irgendwas, durch weitere Geschäfte gelaufen, einfach so - vielleicht, weil’s drinnen wärmer ist und andere, nebst uns Rentnern auch viele Haus- und sonstige Frauen, es auch tun.

    Morgen dann: in neuen Schuhen vergnügt nach draussen.

    (5.1.17)

 

    Doch, doch, es geht mir gut. Meine Tage sind mit wenig Entscheidungen steuerbar. Es gibt wenig Dringendes oder Drängendes - oder anders gesagt: Ich kann jetzt schöner zaudern.

    (20.1.17)

 

    Auf meinen Spaziergängen hoffe ich immer, den einen oder anderen Bekannten zu treffen. In diesem Altstadtlokal, das ich eben betrete, könnte doch beispielsweise der M. sitzen, das war doch mal sein Stammlokal.

    Ich setze mich und bestelle einen Kaffee mit Bätzi. Trinke ihn in Gesellschaft einiger halbvertrauter älterer Herren, an deren Gespräch ich ganz beiläufig teilnehme.

    Man könnte sich natürlich verabreden. Aber ich möchte den Leuten doch einfach, wie man so sagt, „in die Arme laufen“. Der unverbindliche Ausspruch „Melde dich doch mal!“ ist irgendwo in meinem Kopf steckengeblieben. I c h melde mich nicht.

    (22.1.17)

 

    Es ist plötzlich warm geworden. Man sitzt draussen und bestellt, weil einem nichts anderes einfällt, ein Bier. Eine halbe Stunde etwa sitzt man da. Und da gerade niemand, den man kennt, vorbeikommt (vorbeischaut), lässt man’s bei diesem einen (Bier nämlich) bewenden. Vernünftig.

    Es gibt eh nur noch wenig Menschen (Leute), deren Gesichtszüge sich aufhellen, wenn sie meiner ansichtig werden. Manchmal scheint es mir, als gäbe es nur noch Fremde - Fremde ersten, zweiten usw. Grades... geradeso wie Verwandte, die man sorglos einfach „Angehörige“ nennt.

    (1.2.17)

 

    Die Mussezeit des Pensionierten schmeckt nicht nach Ferien. Sie ist geprägt von einem „eigentlich“: Es lauert ein Vorbehalt hinter der grenzenlos verfügbaren Zeit; ihr Vergnügungscharakter schwindet.

    So setzt man in die Tage gezielt und nicht ohne Gewinn für das Wohlbefinden (hinterher) einige Verpflichtungen, um etwas der strengen Pflicht Ähnlichem seinen Hahn geopfert zu haben.

    (13.2.17)

 

 

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