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Sonntagsspazier

Wer Georg Kreisler kennt, weiss: Es soll sich schon einer nach dem Sonntagsspaziergang erhängt haben. Einfach so, weil Sonntagsspazier war. Ich persönlich mochte Sonntage nie besonders. Das liegt übrigens nicht am Montag, der folgt. Vielmehr scheint mir, als läge am Sonntag etwas bar, was zwischen Montag und Samstag verdeckt ist. Während der Woche muss – wo kämen wir hin? – Geld generiert werden. Samstag Shoppingmeile. Und am Sonntag soll man sich… davon erholen? Für mich hat der Sonntag etwas Abgestandenes, Marodes. Es ist, als würde er ins Leere treten. Oder aber er ist selbst eine Leerstelle, aus der nichts wird, weil die Zeit bis zum Montag nicht reicht. Jeden siebten Tag die verpasste Revolution? Aber, was stänkere und spotte ich wieder! Die Leute, die man so an einem Sonntag trifft, sind schliesslich nicht unsympathisch: Es sind, nach Franz Hohler, «alli so nätt». Gerade jetzt im Frühling ist der Sonntag ein orchestriertes Aufblühen. Ein Finsterling, wer sich dem entzöge: Alle Welt ist auf den Füssen oder radelt auf Rädern. Man ist fröhlich und die Promenaden sind voll. Das tote Tier auf dem Grill schwängert die Nachbarschaft. Der Hund nagt die Knochenreste. Das Enkelkind quengelt und Bier gibt’s schon am Nachmittag. Das gab’s auch für den Thomas, mit dem ich neulich auf Sonntagsspazier war. Er hatte sich für uns eine Wanderung ausgedacht. Wir stampften durch den Sonntagswald und gehörten dazu. Er war dankbar. Thomas hatte stets eine Dose Billigbier in der Hand. Das wär’ an sich nichts Besonderes, gerade an einem Sonntag, aber man muss wissen: Thomas ist – nicht normal. Man kann an ihm die Randständigkeit riechen. Das störte ein wenig das Sonntagsbild. An seiner Planung aber gab es ganz und gar nichts zu beanstanden. Es war ihm wichtig, dass ich dies entsprechend würdigte. Also hörte ich zu: Er gehe immer gerne rechtzeitig los, da seien die Grillstellen beim Aussichtsturm noch unbesetzt und man könne sein Fleisch in aller Ruhe zubereiten. Zudem sei es dann noch nicht so heiss und er möge es nicht, bei Hitze zu wandern. Ich sicher auch nicht, oder? Er habe Alufolie dabei, um Kartoffeln und Gemüse einzuwickeln und in die Glut zu legen. Ob ich lieber Huhn oder Schwein möge? Mir sei beides recht, sagte ich. «Sind doch beides arme Schweine, oder?» Er lachte und fuhr weiter: Nach dem Grillen würden wir auf der anderen Seite den Grat entlang und linksseitig um den Gupf laufen. Von da ginge es dann runter nach Herten. Es sei dort ein steiles Stück, weshalb er immer einen Wanderstecken dabeihabe, um sich abzustützen. Es sei besser für die Knie, würde er jedem empfehlen. Er habe extra zwei mitgenommen. Ob ich den einen haben wolle? Ich spürte, dass es Thomas verletzten würde, lehnte ich sein Angebot ab. Er hatte wirklich an alles gedacht! Also nahm ich auch einen Wanderstecken zur Hand. Bei der Grillstelle waren schon andere Leute und Thomas begann, Bierdosen zu verschenken. Mir gings dabei nicht schlecht: Ich atmete Frühlingsluft und konnte die Erholung jeder einzelnen Körperzelle spüren! Es war erstaunlich. Trotzdem bleibe ich dabei: Ich wandere lieber wochentags. Da muss ich keinen Erwartungen entsprechen. Ausser den eigenen.

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