Die Pandemie
- Roland Müller
- 6. Mai
- 2 Min. Lesezeit
Aus dem Corona-Tagebuch
„Es handelt sich um einen Abgrund, für dessen Ernst es keine verlässlichen
Zahlen - und schon gar keine Worte gibt...“
(Hans Ulrich Gumbrecht)
Die Pandemie vereinzelt tendenziell jeden, nimmt ihm aber explizit die Qualität des Einzelseins... als Einzelner zu handeln.
(14.12.21)
Es ist kaum sagbar, was das Virus (verstörender Singular!) mit uns macht. Es umtanzt (verstörendes Verb!) alle Massnahmen. Gefährlicher aber als seine Kapriolen ist der fatale Verlauf der Gewissheitsschwankungen.
(10.1.22)
Man hat es sich zu Hause eingerichtet in einer etwas spröden Behaglichkeit. Man liest. Schaut sich ab und zu einen Film an, wobei man oft das Gefühl hat, das seien alles furchtbar alte Geschichten, Bilder und Szenen von früher, als die Weisung, zwei Meter Abstand zu halten, höchstens im Museum galt, vor besonders kostbaren Gemälden. Aber dort ist ja jetzt niemand mehr; die Bilder sind sicher.
(22.3.22)
Die Monothematik, womit uns die Medien nun bedienen, nicht zuletzt, weil sie über nichts anderes zu berichten wissen (alles zu!), macht die Situation noch gespenstischer. Man lechzt nach „vermischten Meldungen“ - denn immerhin gibt’s doch noch Kriege und Vertreibungen allerorten.
Oder?
(23.3.22)
Die Hyperinformiertheit kann Ignoranz und Schrecken verstärken. Man sollte nicht ständig vom „rasanten Anstieg der Erkrankungsfälle“ reden - weil das zur Epidemie ja nun mal gehört; es ist innerhalb der ausserordentlichen Situation... normal!
(30.3.22)
Vulnerabilität
Wir Alten stehen auf einer Art roter Liste. Wir bleiben eingehegt, während andere, wohlmeinende Menschentiere für uns auf Nahrungssuche gehen.
(9.4.22)
Besuch
Man trinkt ein Gläschen... so zusammen wie nur möglich, bzw. erlaubt. Und natürlich draussen.
Man spielt das Corona-Spiel: Man redet scheinbar unbefangen miteinander, gestikuliert, trinkt, schenkt wieder ein - natürlich jeder für sich selber (die Flasche ist mit zwei Schritten zu erreichen). Wer das mit dem unbedingt gesetzten Abstand missachtet, wer sich vergisst und einfach seiner Natur folgt, hat verloren.
Und alle sind tot, bevor die (zweite oder dritte) Flasche leer ist.
(16.4.22)
Man ist nicht eigentlich solidarisch, eher unbeholfen im Umgang untereinander: Man weiss zur Zeit nicht so recht, wie einem geschieht. Und da man keine Möglichkeiten hat, dem Übel mit klugen und beiläufigen Vorkehrungen mit einiger Sicherheit zu entgehen, bleibt nichts anderes übrig, als mit kurzfristig eingeübten Gesten durchs öffentliche Leben zu wandeln.
Wir verhalten uns alle ähnlich. Sogar das leicht verlegene Lächeln ist Standard - aber nur halbwegs solidarisch oder gar verschwörerisch gemeint.
(18.4.22)



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