Zug spielen
- Caspar Reimer
- 20. Mai
- 1 Min. Lesezeit
Als Kind spielte er manchmal Zug. Dabei gab es keine Modelleisenbahn. Das wollte er gar nicht. Der Zug fuhr in seinem Kopf. Er gab Struktur, Halt und immer etwas zu tun. Ging er mit der Familie zu Berge, legte er sich Route und Fahrplan zurecht, rechnete es so aus, dass Zugfahrt und Wanderung zur gleichen Zeit endeten. Es war die Schöpfung einer Parallelwelt, die es ihm ermöglichte, von der einen Welt, gab es da eine Durststrecke, in die andere zu wechseln. Die Zugfahrten in seinem Kopf begleiteten ihn über die Kindheit hinaus und erwiesen sich als Vorteil, als er einmal von der Jugendanwaltschaft mit einem fünftägigen Arbeitseinsatz bestraft wurde. Er sollte in der Küche eines Altersheims bei Rüsten und Abwasch helfen. Mit der Reise in seinem Kopf verschaffte er sich da ein kleines Abenteuer, das ihm niemand nehmen konnte und die Strafe ging schneller vorüber. Freilich würde er so etwas heute, auch zur Überbrückung eines Vollzeitarbeitstages, nicht mehr tun. Es käme ihm lächerlich vor. Neulich aber hatte er ein paar schlechte Tage, das Leben war eine Wüste und das Wozu flackerte wie eine kaputte Leuchtreklame in seinem Sein. Da fragte ihn ein Freund: «Wollen wir Zug spielen?» Ein lautes Lachen fiel aus ihm hinaus in die Welt, der Freund sah ihn erschrocken an und das vergessene Kind in ihm, das beharrlich und zweifelsfrei seinem Fahrplan folgte, rührte ihn fast zu Tränen.


Kommentare