Der Sonntag
- Daniel Costantino
- 6. Mai
- 2 Min. Lesezeit
Am Sonntag sitzt die Familie heil in der blanken Wohnung. Die Unbill der Arbeit und die Fetzen des Alltags hat der Staubsauger geschluckt. Alles ist gut, die Miete bezahlt. Man zeigt der Welt eine zugängliche Miene und sitzt im Kunstleder und kaut Chips. Der schöne Perser blüht und die Stubenfliege summt. Einer steht auf und geht aufs Klo und schlurft zum Leder zurück.
Die Familie sitzt vorm Kasten wie ihre pelzigen Vorfahren ums Feuer. Allerlei Fabeln und Mären machen die Runde. Ein Jüngling spinnt seine Geliebte ins Garn und die alten Bauern trinken ihr Korn. Der Admiral Seiner Majestät sticht in die hohe See. Dann werden Geiseln geopfert und Kinder verhungern und es wird die Besinnung zum Sonntag gegeben. Um die Wetterkarte tanzt die flotte Krawatte des Moderators und fuchtelt sein tauber Stab. Das Land betet um Sonne.
Ein Kleinwagen fürs Familienbudget. Und ein schmuckes Häuschen im Klee. „Fehlt Ihnen das nötige Kleingeld dazu?“ erkundigt sich der warme Kasten. Das kleine hätten wir, sagt der Vater. Was uns fehlt, ist das grosse Geld. Es darf gelacht werden. Und wieder steht einer auf und geht in die Küche und holt sich eine Scheibe Brot.
Zwei Nachbarn im Treppenhaus. Einer voraus, der andre schliesst ab. Vier Beine steigen nach unten. Es wird nichts geredet. Die Uhr schlägt die Stunde. Der Vater ist eingenickt. Sein eignes Schnarchen schreckt ihn wieder auf. Die Mutter liest das Programmheft. Man schaut ein Rennen und harrt der grossen Dinge. Die Fliege schlummert auf der Fernbedienung. Und wieder schlägt die Uhr.
Sonntag ist wie Ferien. Man braucht nicht zu arbeiten und nichts zu tun und ist’s in beschaulicher Eintracht zufrieden. Wenn Nachbars Kinder nicht wären und das Fernsehprogramm, könnte man die Heizungsröhren belauschen in ihrem monotonen, manchmal von Klöppelgeräusch durchsetzten Gebrumm. Oft beginnt es zu regnen und die Autos draussen pflügen das Wasser.
Wenn einer raucht, öffnet er das Fenster zum Balkon. Ein paar welke Blätter fallen zu Boden.
Über dem Sofa hangen die Boxhandschuhe des verstorbenen Onkels, schrundig wie die Lederhaut eines geknickten, gemeinsam in die hohen Jahre gekommenen Paars. Faltige, verschabte Linien, blutleere, mit Altersflecken und ausgebleichten Muttermalen bespickte Adern, der eine vom andern nicht zu unterscheiden. Verwesung zweier zusammengewachsener Organismen, ein reziproker Siamismus. Wie die Knäufe gekrümmter Gehstöcke, schräg vom Rumpf ihrer massigen und dattrigen, resigniert darübergewölbten Leiber abstehend, zwei verwelkte Daumen.
Der Nachmittag ist ohne Klage vorübergegangen. Schiene die Sonne, sänke sie jetzt. Die Fliege stösst ans Fenster, wieder und wieder. Dann ein Knistern und Schaben am Rahmen. Man hat viel Geduld mit ihr bewiesen. Der Vater holt seinen Pantoffel und schlägt sie tot. Dann schlurft er zum Leder zurück.


Kommentare