Die Sprachkritik im Hinterhof
- Daniel Costantino

- vor 3 Tagen
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Teil I
Über dem Satz „Der Verwalter des kleinen Hotels, in dem ich wohnte, wollte es renovieren“ entbrannte in einer Abendgesellschaft unter zwei Koryphäen ein Streit. Es hatte ihn ein Rezensent auf die Frage eines Anwesenden hin zitiert, womit er sich denn gerade beschäftige. Mit Ionesco, kam die Antwort. Dem Solitaire, seinem einzigen Roman. Und dann sprach er diesen Satz in die Runde, die sich um zwei lange Holztische im Winkel eines Hinterhofs gruppierte. Er wiederholte ihn laut und machte eine Pause. Über den Tischen verebbte nun das Gespräch, nur am Rande gurgelte ein Rinnsal noch eine Weile weiter.
Ein Gartengrill verstrahlte seine letzte kleine Glut.
Ob man spüre, dass der Satz falsch, ja unmöglich sei? fuhr der Rezensent fort. Die Übersetzerin könne kein rechtes Deutsch, dass sie so schreibe. Das Akkusativobjekt „es“ beziehe sich ja auf nichts, beziehungsweise es scheine nur so, als vertrete es als Pronomen ein Objekt. Aber „des Hotels“ sei nicht Objekt, sondern blosses Attribut, weshalb sich „es“ auf „des Hotels“ garnicht zu beziehen vermöge. Ein Attribut, er unterbrach sich und rückte seinen Stuhl auf dem unebenen, mit Grasstoppeln durchwachsenen Kiesboden zurecht, ein Attribut habe niemals das Gewicht, als Objekt zu fungieren. Man könne es nicht einfach telquel für ein Objekt nehmen, zuallerletzt, wenn man Übersetzerin eines so grossartigen Romans sei. Gerade als ein solcher Mensch trage man eine immense Verantwortung für die deutsche Sprache, für deren jahrhundertealte Tradition und Kultur. Da gehe es doch nicht an, wie im profanen Bruchrechnen einfach Zähler und Nenner zusammenkürzen. Sprache ist doch keine Mathematik! rief er erbost in den Hinterhof. Ik! prallte es von der Hausmauer zurück.
Ein Schleier von Zigarettenrauch verzog sich gegen die Abendsonne hin. Sorgfältig waren die beiden Tische aneinandergeschoben, die eine Platte etwas über die andere, und von einem weissen Papiertuch bedeckt; an einer Stelle klaffte ein speckiges Loch, von dem ein zerschlissener Papierfetzen an der Kante herabbaumelte.
Keinem deutschsprachigen Autor, sprach der Rezensent weiter, würde er raten, solche Sätze zu bauen, jedenfalls nicht, wenn er ernstgenommen werden wolle. Sehr wahrscheinlich, er wisse es nicht mit Sicherheit, sei eine solche Satzkonstruktion in andern Sprachen auch falsch, er wolle nicht gerade behaupten, schon seit dem Indogermanischen. Aber es würde ihn nicht wundern. Er habe den Satz im Original auf Französisch nachprüfen wollen, denn wenn ein grosser Dichter wie Ionesco ein Genitivattribut und ein Akkusativobjekt auf diese Weise zusammenziehe, dann sei das eben in seiner Sprache richtig, gebe aber einer Übersetzerin noch lange nicht das Recht, dasselbe auf Deutsch zu tun. Wie zur Bekräftigung hob er sein Weinglas zum Mund und trank einen ordentlichen Schluck.
An der Häuserzeile gegenüber funkelten in kleinen Sprengseln Sonnenstrahlen von den Dachfenstern herab. Eine Mutter am andern Ende des Hofs schalt ihr säumiges Kind.
Indessen besitze er das Buch leider nicht auf Französisch und habe notgedrungen im Internet herumgestochert, herumgesurft, wie man neudeutsch wohl zu sagen habe; doch dieses Spinnennetz, rief der Rezensent anklagend ins Publikum, kirre einen mit schwachsinnigen Werbevideos sonder Zahl, Werbebotschaften, wie es scheinheilig heisse, die man nicht einmal stoppen könne, die man ohnmächtig über sich ergehen lassen müsse, bis man sie nach zehn oder zwanzig Sekunden, kurz bevor sie ohnehin zu Ende seien, endlich abbrechen könne, und rein garnichts hätten sie überhaupt mit dem eigentlichen Inhalt einer Seite zu tun. Hinter seinem Rücken war auf einem Stück Rasen eine Wäscheleine gespannt, an der ein Lappen sich im Winde drehte. Dieses Spinnennetz, wiederholte er seinem Publikum und erhob den Zeigefinger, sei ein kulturferner Ort, ein Riesenhaufen unsäglicher Nichtigkeiten, man müsse sich schämen, dort überhaupt zu verkehren. Natürlich habe dieser Idiotenpfuhl den Solitaire nicht einmal in der Originalsprache zu bieten. Wenn es aber noch seriöse Verlage gäbe auf der Welt, die sich noch an ein Berufsethos hielten, hätte man diesen Satz von allem Anfang an korrigiert und ihm viel Ärger bei der Recherche erspart. Eine Schande sei das alles, eine Schande!
Auf einem Balkon im zweiten Stock stand ein Schmerbauch mit einer Flasche Bier im Sonnenuntergang und regte sich nicht.
Nach einigem Zuwarten bildeten sich auf die Worte des Rezensenten erst vorsichtig, dann entschiedener zwei Lager heraus; eines, das den Satz trotz allem richtig, und eines, das ihn wie der Rezensent verkehrt fand. Im ganzen diskutierte nur eine Handvoll Personen mit; aber die andern, die höchstens einmal ein Jaja oder Soso einwarfen und sich sonst nichts vergaben, schlossen sich doch im Geiste einem der beiden Lager an. Entweder sie waren mit denen d’accord, die dem Rezensenten widersprachen, und fühlten sich aufgerichtet, wenn gegen ihn die Stimme erhoben wurde, nickten auch schadenfroh in den Bart hinein, wenn er sich in seinem Eifer verhaspelte; oder sie hatten an seinem Wesen ihr Gaudi und lächelten darum ob jedem Punkt, den er einheimste, und leisteten ihm so einen stillen moralischen Beistand.
Erst war vom natürlichen Sprachgefühl die Rede und vom Sinn, der zwischen den Zeilen stecke oder eben auch nicht, und von den Anforderungen eines Germanistikstudiums in der heutigen Zeit. Sogar auf die Hirnforschung wurde angesprochen, auch hier ausdrücklich auf die neue. Einer sagte Chomsky. Ein anderer Habermas. Ein Dritter tat sich mit kuriosen Erinnerungen an seine Schulzeit hervor. Doch dann brachte es einer für alle auf den eigentlichen Punkt: der Rezensent möge doch aus einer Mücke keinen solchen Elefanten machen. Bei diesem Stichwort gab sich der Gastgeber, ein freier Kulturredakteur, der sich die meiste Zeit um seine Gäste foutierte und schwer alkoholisiert auf einem Stuhle kauerte, plötzlich einen Ruck, stemmte sich an der Tischkante hoch in den freien Stand und zeigte wie ein Feldherr auf den Rezensenten hinab. Was, aus einer Mücke! brüllte er. Aus einem Garnichts! Du bist nichts als ein aufgeblasener Wicht, der im ganzen Leben nichts geleistet hat!
Einem Hund am Boden entfuhr ein klagender Laut. Steif sassen die Gäste da und tauschten schnelle Blicke. Aus einem geöffneten Küchenfenster ränzelte frittiertes Öl über den Platz.


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