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Die Sprachkritik im Hinterhof

Teil II


Unschlüssig, ob er entgegnen oder schweigen solle, da sein Gegner jetzt innehielt und sich erschöpft am Tisch aufstützte, langte der Rezensent in seine Jacke, fand dort ein Päckchen Tabak und seine Pfeife vor, legte beides auf den Tisch und führte dann, den andern im Blickwinkel behaltend, die Pfeife zum Päckchen wie eine Schaufel zur Grube, bis sie mit dem ganzen Kopf darin verschwand, und begann sie mit nestelnden Fingern zu stopfen. Doch der Gastgeber, von jemandem fürsorglich am Arm berührt, sammelte sich wieder, stierte auf sein Gegenüber und dessen Tätigkeit und wusste sie nicht zu ermessen. Da kam ihm der Groll wieder hoch. Man verstand nicht mehr alles, was er jetzt an Pöbeleien auf den Rezensenten herabkrachen liess, er verschluckte vieles, er geiferte zuweilen mit schwerer Zunge; zum allgemeinen Erstaunen fand er mit einer plötzlichen Volte aber doch wieder zum Satz zurück, zitierte ihn recht genau und hielt dem Rezensenten schwankend vor, seine Kritik an diesem franz-ö‘schen Satz.. ‘s-schen Satzbau, der vollkommen klar - - harr! er richtete sich kerzengerade auf, ..verharre! im Passiven und Ww-irkungslosen.

Triumphierend schaute er dem Rezensenten ins Gesicht.

 

Der zündete sich die Pfeife an und blies ein paar dicke Schwaden Rauch in die Luft, die über seinem Kopf nach hinten strichen und den Lappen an der Wäscheleine verhüllten, drückte mit einem Stopfer sorgfältig nach und antwortete seinem Herausforderer zuletzt, er werde ja kaum erwarten, dass die Sprachkritik sich erhebe und beginne, Schaufenster einzuschlagen, so wie er selber, man wisse es gut in der Runde, vor seiner Wandlung zum Kulturredakteur in jungen Jahren bekanntlich des öftern getan.

 

Der Gastgeber, dessen Augenbrauen sich zu wattigen Dreiecken runzelten, ergriff wortlos eine Weinflasche und schritt damit auf den Rezensenten zu, man wusste nicht recht, ob ihn zu erschlagen oder doch nur, um daraus zu trinken; die Art, wie er die Flasche an ihrem Halse schwang, konnte beides heissen. Es war aber ein Besonnener mit am Tisch, der sich flink dazwischenstellte und dem es gelang, die Lage zu entspannen und wie man so sagt nicht eskalieren zu lassen. Er brachte den Gastgeber unter ruhigem Zureden dazu, nach oben in seine Wohnung zu gehen und ein paar Kerzen zu holen, es nachte bald ein und da wäre es doch schade, wenn man im Finstern miteinander streiten müsse. Dieser fühlte sich an seiner Ehre gepackt, drehte sich um und schritt mit knirschenden Schritten, die Flasche am nun lose baumelnden Arm, schnurgerade auf das Haus zu, machte im letzten Moment einen Bogen um den Grill und entschwand fluchend durchs Schlupfloch einer Kellertreppe. Die Runde war erleichtert. 

Im Hinterhof frischte es auf. Nachbarliche Blumenbeete warfen lange Schatten über den Boden, und die Grasstoppeln um die Tischbeine zeichneten Löcher in den Kies. Gegen die Mitte des Hofs, wo aufgeschichtete Steine einen Ziergarten schützten, verteilte ein Sprinkler in nervösen Stössen Wasserspritzer. Ein Moped hielt vor einem Hauseingang. Der Fahrer stellte das Gefährt zwischen die Pfosten einer Teppichstange wie in ein leeres Fussballtor. Erst als er ins Haus trat, legte er den Helm ab. Es war ein wuschelköpfiger Junge.

 

Während der Gastgeber auf sich warten liess, wurde vor aller Augen ein selbstgebackener Kuchen angeschnitten und unter grossem Beifall verteilt. Ein dumpfes Pflopf, und eine Weinflasche senkte sich über hingehaltene Gläser. Einer tippte lässig die Asche von der Zigarette und gab den neusten Witz zum besten. Vielfaches Auflachen erscholl. Kurz bellte auch der Hund und kehrte den staubigen Boden mit seinem wedelnden Schweif. Es zirkulierten Erinnerungen an romantische Kreuzfahrten. Da und dort gingen die Lichter an im Quartier. Man war bester Dinge. Nur der Rezensent, da niemand mehr sich für seinen Satz interessierte, liess es bei einigem Räuspern bewenden und schwieg seine Spitzfindigkeiten mit übereinandergeschlagenen Beinen in sich hinein.

 

Nach und nach zerbröckelte das Tischgespräch in kleinere Teile, die aber doch wie Wolkengeschiebe über den Köpfen manchmal wieder zusammenfanden. So war die Scheidungsrate eine Frage, die ein paar Geister beschäftigte und in die sich ein Ungebetener mit einer wissenschaftlichen Studie mischte, laut der auch langjährige Partnerschaften oft weniger glücklich seien, als es den Anschein habe, was einen Witzbold vom Nebentisch zur Bemerkung animierte, Liebesglück verpuffe halt wie Popcorn in einer heissen Pfanne. Dazu lachte er und klatschte über dem Kopf in die Hände. Ein bisschen lachten die paar Geister mit. Und noch einer, der das mit halbem Ohre aufgeschnappt, rief von ganz draussen und quasi über die Bande herüber, auf mehr als eine halbe Stunde pures Glück im Leben komme sowieso kein Mensch, das habe schon Goethe gesagt. Hier horchte sogar der Rezensent, der irgendwo dazwischen sass, kurz auf und blickte auf den, der Goethe im Munde führte. Jaja, dachte er nach einer Weile traurig. Nur die Monotonie ist von Dauer. Aber er behielt es für sich.

Als einer, der hatte austreten müssen, zurückkam und vermeldete, der Gastgeber sei auf seinem Sofa eingenickt, nahm man das mit Erleichterung, in die sich auch ein gewisser Unmut mischte, zur Kenntnis. Doch brachte er immerhin zwei Kerzchen mit, wie man sie Weihnachten an Tannenbäume steckt und die er irgendwo in der Wohnung oben aufgestöbert hatte. Seid sparsam damit! sagte er und legte sie auf den Tisch.

 

Vom Abwesenden hatte es als Erste eine Kollegin, die ihm den Tag über bei den Vorbereitungen zur Hand gegangen war. Es sei furchtbar mit ihm, vertraute sie mit gedämpfter Stimme denen an, die bei ihr sassen. Sie habe das meiste alleine machen müssen, alleine an alles denken müssen, da er schon am frühen Morgen betrunken gewesen sei. Auf dem Markt habe er ihr einfach Geld und einen pfotigen Einkaufszettel in die Hand gedrückt und sei in einer Kneipe verschwunden. Sieben volle Taschen habe sie herumgeschleppt, und aus der Kneipe habe sie ihn auch noch herauszerren müssen, er würde jetzt noch dort hocken und saufen. Wieder bei ihm zuhause, habe er mehr im Wege gestanden, als dass er mit angepackt habe. Es sei ein umgekehrtes Spiel gewesen; sie habe den Gastgeber herumkommandiert, und er habe sein eigenes Fest hintertrieben. Und wo eigentlich seine Freundin geblieben sei, habe sie sich die ganze Zeit gefragt. Er habe sich nicht darüber auslassen wollen; aber sie habe bemerkt, wie er sie auf dem Handy zu erreichen versucht habe. Er habe ihr nämlich eine Nachricht auf Band gesprochen und so geredet, wie er nur mit ihr rede. Natürlich, sie komme von auswärts, da könne sie wohl schlecht schon am frühen Morgen dasein. Aber trotzdem. Sie sei ja jetzt auch nicht gekommen. Wahrscheinlich sei es zu Ende mit den beiden. Es wäre ja auch kein Wunder.

Sie kramte ein dünnes Jäckchen aus ihrer Schultertasche und streifte es über. Jemand knipste mit einem kleinen Feuerzeug eine der Tannenbaumkerzen an.

 

Ob man wisse, verriet ein anderer seinen Nachbarn, dass der Gastgeber eigentlich eine Band organisiert habe, die hier auf dem Kiesplatz hätte spielen sollen. Er habe es zufällig mitbekommen, als er vor ein paar Tagen kurz auf Besuch gewesen sei. Der Bandleader und sein Drummer seien plötzlich vor der Tür gestanden und hätten das Gelände rekognoszieren wollen. Sie seien erst zu den Gemüsegärten geführt worden, man könne es von hier aus nicht sehen, dort um die Ecke, wo das Kompostgitter davorstehe. Dort hätten die Musiker aber nicht spielen wollen, sie hätten sich regelrecht geweigert, in einem Gemüsegarten zu spielen. So habe man sich zuletzt auf den Kiesplatz hier geeinigt, wo sie nun alle sässen und trotzdem keine Band erlebten, weil nämlich der Hausbesitzer, als er gestern Abend vom Ganzen erfahren habe, niemand könne übrigens sagen, von wem, gegen die Band sein Veto eingelegt habe. Nun habe man alles abblasen müssen und der Gastgeber liege mit den Musikern im Streit, weil die auf ihrer Gage bestünden. Auch auf den Hausbesitzer sei er schlecht zu sprechen, obwohl er froh sein könne, dass der nachträglich immerhin den Kiesplatz mit den Tischen bewilligt habe und jetzt friedlich in seiner Wohnung oben sitze, gerade unter jener des Gastgebers notabene, und sich dort stillhalte.

Auf seinen Fingerzeig spähte die kleine Zuhörerschar mit schrägem Kopf zur Hausfassade hinauf. Die Dunkelheit hatte sie über die halbe Breite eingeschwärzt. In der Stube des Hausbesitzers flimmerte bläuliches Licht.

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