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Die Sprachkritik im Hinterhof

Teil III (Schluss)

 

Alles nicht wahr, alles nicht wahr! kreischte es mit einem Mal aus heiserem Munde und so laut, dass sich der Rezensent, der gleich daneben sass, die Ohren zuhielt. Im Widerschein einer Lichtanlage, die sich über der Kellertreppe eingeschaltet hatte und die Szene wie ein Bühnenlicht erhellte, behauptete jemand Unerhörtes und wiederholte es dem Entrüsteten vor aller Augen; dass nämlich seine Nachbarn aus Eritrea Sonntag für Sonntag ihre Kinder einschlössen, das Haus verliessen und erst am Abend wieder zurückkehrten; und zwar, was noch abstruser klang, aus Angst, die Kinder würden sonst von Schweizer Familien gestohlen; worauf der andere das Gesicht wechselte und mit furchtbarem Grinsen zu höhnen anfing: Komm, sag’s doch, wie’s wirklich ist, unsere Kinder stehlen sie, unsere, diese Neger, das willst du doch sagen, und unsere Frauen schwängern sie, nicht wahr, das meinst du doch, ins Gas mit ihnen, ins Gas! Fast konnte man am schnaubenden Tonfall, in den er dabei verfiel, die Sache noch als groteske Übertreibung auffassen und sich sagen, hier leiste sich einer auf Kosten des andern und ihrer aller, die zuhören mussten und sich entsetzten, einen makaberen Scherz; die grinsende Fratze im Scheinwerferlicht schien dafürzusprechen. Allein, es war ernst gemeint, denn der Erzürnte packte seine Mappe am Boden, stand auf und rauschte mit bebender Wut durch den Lichtkegel von dannen; kehrte noch einmal, ohne irgendjemanden dabei anzusehen, an seinen Platz zurück und holte sein Jackett von der Stuhllehne. Als er nun endgültig davonstampfte, kam ihm von der Kellertreppe herauf der Gastgeber entgegen und wollte ihn aufhalten. Man sah ihn wie einen Jesus aus Holz die Arme ausbreiten. Doch der andere winkte ab, tippte mit dem Zeigefinger an die Stirn und schwenkte den Kopf in die ungefähre Richtung, wo die Gäste sassen. Und dann war er mit langen Beinen um die Hausecke herum verschwunden.

 

Am Tisch wurde kein Wort mehr geredet. Nur der Gastgeber, der sich wieder dazugesetzt hatte und einen überaus munteren Eindruck machte, erkundigte sich nach dem allgemeinen Befinden, erhielt aber keine Antwort darauf. Ach, die Kerzen! rief er aus und langte sich an die Stirn. Die habe ich vergessen! Und als würde ihn dieser Umstand beglücken, strahlte er sie alle an; ein Gebaren, das er bis zum Ende des Abends beibehielt. Satt vor Glück sass er da und strahlte sie alle an. Bald darauf, noch hatte sich kein neuer Gesprächsstoff ergeben, ratschten nacheinander zwei Stühle im Kies. Ein älteres Ehepaar verabschiedete sich von den andern Gästen. Man habe morgen einen strengen Tag, die kleinen Enkel kämen. Sie gingen reihum, etwas unsicher auf dem dunklen Boden, und gaben allen die Hand, der Mann voran, seine Frau, die dabei meist etwas länger stehenblieb, mit Abstand hintendrein. Beidemal streckte ihnen der Gastgeber, der inzwischen das zweite Kerzchen angezündet hatte, stehend seine Hand hin und verbeugte sich grossartig und stumm beim Händeschütteln. Es gelang den beiden Leuten, den Eritrea-Menschen zu umgehen; der Gatte drehte sich im rechten Moment, als würde er im Reflex einen Falter verscheuchen, abrupt vom Tische weg, musste seitlich wieder einspuren und übersah ihn dabei wie man beim Abzählen ein unauffälliges Kind übersieht; seiner Frau fiel eine nachträgliche Aufmunterung für eine Freundin ein, ein Satz wie: du wirst es schon schaffen! mit dem über den Tisch gerufen auch ein bisschen Terrain für ein Ausweichsmanöver zu gewinnen war; unbeteiligt sass der Eritreer da und guckte in die Luft, als wartete er auf eine frühe Sternschnuppe.

Der Rezensent, der den Weg gut kannte, geleitete das Paar über wacklige Steinplatten ums finstere Haus herum und durchs Quartier hinunter zu einer Allee von Kastanienbäumen, die an die Tramstation heranführte. Gelb fackelten Strassenlaternen in die breiten Kronen hinauf. Als er auf dem Rückweg seine Pfeife nachstopfte und zu rauchen anfing, kam ihm Jungvolk entgegen, das sich zusammengetan hatte und ins Nachtleben hinaus wollte. Es winkte ihm fröhlich zu, und er lüftete die Pfeife und grüsste freundlich zurück.

 

Hinter dem Haus herrschte Aufbruchstimmung. Die einen wollten gehen und sagten, sie müssten, die andern sagten, sie wollten und meinten, es gehöre sich so; der Rezensent geriet in ein Gemenge von Gruppen und Grüppchen, die aus dem Nachtschatten in den Lichtkegel traten und wieder abtauchten, von hingestreckten Händen, von Zurufen und Schmatzern und Schulterklopfen vor der Kellertreppe; einer Polonaise ähnlich kamen die Hintern im Schlepptau der Vordern voran und staute sich vorne der Umzug nach hinten ins Finstre zurück. Mittendrin sass mit steif erhobener Hand der strahlende Gastgeber als Einziger im Stuhl. Obwohl er nicht durfte, sprang der Hund an allen hoch, die ihn herzten, entfernte sich wieder, bellte und tollte in der Nacht herum und schwänzelte, zur Ordnung gerufen, zurück zum Tisch, wo er vom lockenden Rezensenten das letzte Stück Kuchen empfing. Als endlich fast alle gegangen waren, der Hund auf tänzelnden, der Eritreer auf leisen Sohlen, und ihrer noch vier oder fünf mit den Händen in den Hosentaschen herumstanden und nicht recht wussten, welche Abschiedsworte nun die rechten wären, da kam im dünnen Strahl einer Taschenlampe die Kollegin des Gastgebers über den stockdunklen Kies geschritten und trug tatsächlich, schimpfend, dass man die andern schon habe gehen lassen, noch dampfenden Kaffee auf. Man setzte sich um den Gastgeber herum noch einmal hin. Der Rezensent holte einen andern Stuhl herbei; den seinen fand er mit einem Rucksack, aus dem ein Laptop ragte, und einem Schal über der Lehne belegt.

Schläfrig lag das Quartier in der Nacht. Ein Geruch von Laub und Erde kam auf. Über den Dächern erschien der gelbe Mond. Sie sassen wie Silhouetten.

 

Wann man eigentlich mit dem neuen Parkhaus fertig sein werde? fragte einer und kaute ein Biscuit im Mund. Sein Nachbar stierte ins Dunkel hinaus. Ach, meinte er nach geraumer Weile. Das kann dauern. Ja freilich, das kann’s, jaja, murmelte ein dritter, den Rücken über die Stuhllehne gestreckt und die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Und so plätscherten seine Worte zu den Sternen hinauf.

Jetzt wollen wir den da noch nach oben bringen, mahnte die Kollegin und zeigte auf den Gastgeber, der friedlich lächelnd mit dem Kopf auf der Hand eingenickt war. Aufräumen kann er dann morgen alleine!

Ein bisschen schleiften sie ihn, ein bisschen schubsten sie ihn, und ein wenig half er selber mit; so ging’s mit vereinten Kräften durch den Keller das Treppenhaus hoch. Oben legten sie ihn einfach auf sein Bett und deckten ihn zu.

 

Vor der Haustüre verabschiedete man sich und ging auseinander. Zwei eilten zur Tramstation. Einer stieg auf sein Fahrrad und pedalte ins Dunkle davon. Und einer durfte mit der Kollegin im Auto fahren. Der Rezensent sagte, ihm täten noch ein paar Schritte gut, winkte den andern zu und war um zwei Hausecken verschwunden.

Das Licht am Hauseingang erlosch. Wie eine Futterkrippe im tiefen Wald standen die Briefkästen. In der Ferne schlug eine Autotür.

 

 

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