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Der springende Punkt

Es gibt Dinge im Leben, die sind schwer zu verstehen, obwohl sie ganz alltäglich sind. Oft kann man sie gar nicht recht benennen und würde sich schon deshalb genieren, jemanden um Rat zu fragen, besonders als Mann. So trägt man sie mit dem heimlichen Gefühl des Versagens immerdar mit sich herum.


Bettbezüge sind so ein Thema. Ich glaube, es heisst Bettbezüge, wie Geldbezüge. Oder doch Bettanzüge? Nun ja, ich meine hauptsächlich den Stoff, mit dem man die Bettdecke einwickelt, das Dachbett, wie ich eigentlich sage. Das Duvet. Und zwar so einwickelt, dass er sitzt, nicht einen Überwurf, der ja nur lose, mit lockerem Schwung abschliessend über das ganze Bett geworfen wird. Diesen enganliegenden Stoff, den man mit Knöpfen an die Decke heften muss, damit sie nicht wieder aus ihm herausrutscht. Ich hoffe, ich drücke mich verständlich aus. Es ist schon kompliziert genug mit solchen Sachen.


Dass man den Anzug verkehrt um die Decke legen kann - davon will ich gar nicht reden. Da macht Übung den Meister und weise Voraussicht. Man wird ja noch imstande sein, die Butter auf die richtige Seite des Brots zu streichen. Und dass ich den alten Anzug, statt ihn gleich in den Wäschekorb zu schmeissen, aus Zerstreuung wieder um die Decke spanne und der frische ohne etwas zu sagen noch immer auf der Kommode bereitliegt - das ist zwar ärgerlich, aber erklärlich. Nein, der springende Punkt kommt erst jetzt: Wie stell ich es an, dass die Decke nicht klumpt?


Ich packe das Übel an der Wurzel, das heisst, an den Zipfeln. Ich glaube, man weiss, wie ich das meine. Die eigentlich falsche Seite des Anzugs wird nach aussen gekehrt. Und alles längswegs vorbereitet, das ist wichtig, sonst ist am Ende die Decke zu breit und der Anzug zu schmal. Dann halte ich je zwei Enden des Duvets und der darübergestülpten Zipfel mit den Fäusten fest und schüttle im hohen Bogen spitzüberknopf dreimal kräftig die Decke. Das gilt aber nur, wenn meine Decke kein Loch hat. Andernfalls muss ich vorsichtiger schütteln, sonst fliegen die Federn heraus und ich steh da wie ein bestäubter Pudel.


Nun will die Decke überall ganz leise getätschelt sein, ohne dass die beiden Zipfel wieder aus den Ecken des Anzugs herausrutschen. Das bekäme dann beim Schlafen den Füssen schlecht. Das Tätscheln aber muss sein, damit sich die Federn gleichmässig verteilen. Oder nicht? Sonst liege ich nach den ersten paar Nächten plötzlich nur noch unter dem dünnen Stoff des Anzugs. Und immer dort, wo ich nicht liege, ballen sich alle Federn zu einem Haufen. Ich bin also einem Klumpenrisiko ausgesetzt, wenn ich die Decke nicht tätschle. Und weil ich sie aber tätschle, rutschen die Zipfel heraus. Das lässt sich nachts auch nicht lange ignorieren. Füsse müssen sich rundum wohl und integriert fühlen, sonst ist’s mit dem gesunden Durchschlafen bald vorbei.


Es ist höchste Konzentration geboten an dieser Stelle. Tätscheln allein genügt nicht, man muss auch die Zipfel wieder nachfassen. Und immer so weiter, zipfeln und tätscheln. Dabei darf man sich nicht ablenken lassen, auch nicht von einem Anruf. Ein Meister, wer hinterher noch weiss, wo er mit der Arbeit stehen geblieben ist. Und Vorsicht vor dem läutenden Briefträger, da rate ich zu einem philosophischen Grundsatzentscheid. Bis du unten beim Briefkasten bist, ist er eh schon weg, und du hast oben nicht sorgfältig zu Ende gearbeitet. Besser in aller Ruhe weiterarbeiten und die Postsache am andern Tag abholen. Bitte Ausweis nicht vergessen.


Ja, so stehen die Dinge. Hin und wieder hab ich einfach Klumpen im Bett. Oder kalte Füsse. Ich weiss nicht, wie das andere machen. Ich habe mich auf Besuch schon in fremde Schlafzimmer geschlichen und stets alles in bester Ordnung vorgefunden. Keine Klumpen, vorbildliche Zipfel. Und nichts hat auf einen unbekannten Kunstgriff hingedeutet.


So bin und bleibe ich Teil einer Kultur, die ich selber nicht ganz verstehe. Einer bewundernswerten Kultur, das muss ich zugeben. Es steckt nämlich ein jahrtausendelanger Zivilisationsprozess hinter diesem Bettzeug. Erst musste der Mensch brauchbare Werkzeuge entwickeln und überhaupt die Idee, Häuser zu bauen und sich niederzulassen. Erst dann konnten Betten zusammengesägt und Bettdecken erfunden werden. Und ein Allererster mit dem Rupfen von Gänsen soviel Federlesens machen, dass er damit sein Dachbett stopfen konnte. Von vermutlich noch wild wachsenden Pflanzenfasern zu schweigen, mit denen sich irgend ein grobmaschiger Proto-Anzug herstellen liess. Und von den Knöpfen sowieso.


Aber auch der beste Schimpanse, seines Zeichens unser nächster biologischer Verwandter, wäre unfähig, ein Bett zu beziehen. Der würde schon an den Bettlaken scheitern. Das immerhin ist selbst mir noch nicht passiert.



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