top of page

Die Abschaffung des Mittwochs


Man stelle sich vor, die würden den Mittwoch abschaffen. Einfach so, aus dem Nichts. Den Mittwoch. Wie einen Billetautomaten oder das Bargeld. Natürlich gäbe es da und dort ein paar Eingaben, ein bisschen Protest. Aber wir würden uns dreinschicken. Wir hätten andere Sorgen, als uns um Mittwoche zu kümmern. Die Experten rechneten aus, wieviel Geld man damit einsparen könne und so. Den Mittwoch abzuschaffen, mache die Wirtschaft stabiler. Kompakter. Sie rücke dann näher zusammen. Das sei auch fürs Klima gut. Gerade fürs Klima.

Das würden wir einsehen müssen. Der Mittwoch würde doch höchstens ein paar Jugendlichen fehlen. Ein paar Pubertierenden, die keine freien Mittwochnachmittage mehr hätten, um sommers ins Schwimmbad zu gehen. Nein, wir hätten andere Sorgen. Wir hätten jetzt alle mehr zu tun, jedenfalls mehr am Stück. Unsere 40 Arbeitsstunden müssten nun in einer knappen Viertagewoche geleistet werden. Wir hätten fürs Protestieren garkeine Zeit. Ein bisschen Treppenhausgeflüster, dann wäre das erledigt.

Die Viertagewoche wäre sogar eine gewerkschaftliche Errungenschaft, wenn man das mit den Zeiten davor vergleicht. Und das Treppenhaus ist sowieso nicht mehr, was es einmal war.

 

Gut, gewisse Probleme hast du immer. Das Kalenderjahr würde sich natürlich verkürzen, die Wochen wären schneller herum. Die Leute kämen früher in Rente, würde das heissen. Und blieben darin auch länger stecken. Eines Tages kämen die Rentenkassen auf uns zu mit heraushängenden Taschen und jammerten, sie seien geplündert. Und sie hätten ja recht. Müsste man wohl die werkfreien Tage abschaffen, um die Kassentaschen wieder zu füllen. Statt einer Viertagewoche eine Sechstagewoche einführen vielleicht. Sieben wärens ja nichtmehr. Gäbe pro Nase wieder mehr Freizeit am Tag.

Warum nicht die Sechstagewoche. Möglicherweise würden wir gerne wieder richtig anpacken. Unser Glück kann ja nicht darin bestehen, dass wir uns langweilen drei Tage die Woche. Minus am Mittwoch natürlich. Dafür würde der Achtstundentag wieder eingeführt. Das wäre doch immerhin etwas.

 

Es wäre eine kleine Kulturrevolution, den Mittwoch abzuschaffen. Und darum schlüge jetzt auch einer revolutionären Kulturförderung die Stunde. Das heisst, ihrem eigentlichen Zweck: der Kunst. Die Kunst müsste wieder am selben Strick ziehen wie das Volk! Ich hätte sogar einen Vorschlag für die Sparte Musik: man könnte die Ganztonleiter einführen im Land. Hymnen undsoweiter, eine ganze und runde Sache, Sinfonien fürs Land. Die Ganztonleiter stünde A. für ganzheitliche Kunst und besteht B. aus sechs ganzen Tönen. Das würde doch passen zur Sechstagewoche. Tage und Töne, vereint euch, alles im selben Abstand, dann wieder von vorne, alle ganz gleich! Die Ganztonleiter! Die würde uns wieder zusammenschweissen. Man müsste sie nicht direkt für obligatorisch erklären, man würde sie einfach fördern und fördern, bis für alle anderen Leitern nichts übrigbliebe. Kein Kulturpreis mehr für die alten Töne, dieses mal Halbe, mal Ganze, nicht Fisch und nicht Vogel! Nicht aufführen, nicht senden, nicht mehr verramschen. Entsprechende Zölle! Und die sozialen Medien demgemäss regulieren. Das hätte man sowieso schon lange tun sollen.

Wer sich in gottesnamen noch dieses elende Siebentongeleier anhören will, bitte. Aber Kopfhörer, bis ihm die Ohren schlackern. Openair Montreux nur noch in sechs ganzen Tönen! Kein Dur und kein Moll! Paleo, Gampel und Gurten – dasselbe in Ganz. Aus diesen Frischluftkakofonien hab ich mir sowieso nie etwas gemacht.

 

Es kehrte Ruhe ein bei uns. Dass nämlich Hörgewohnheiten sich ändern, ist ganz natürlich. Ungestörtes Ausruhen vom Werktag. Wir rückten näher zusammen. Auch mit den Künstlern. Die verlören doch den Spass an ihrem Beruf. Die ganzen Förderprogramme mit all den Anträgen und Formularen – das ist nichts fürs sie. Das würde ihnen bald zum Hals heraushängen. Die meisten würden sich umschulen lassen und sässen plötzlich in den Supermärkten an der Kasse. Mitten unter uns.

Ja, das wäre dann so. Man muss mit der Zeit gehen. Man könnte den Vorschlag gerne auf die anderen Sparten übertragen. Am Ende liesse sich noch Geld sparen an der Kulturrevolution.

Ich hätte jedenfalls nichts gegen die Abschaffung des Mittwochs. Das wäre einmal ein Anfang. Ausserdem bin ich unmusikalisch. Mir haben schon die alten Tonleitern nie gefallen.

 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Schweizer Humor

Der Schweizer, hört er den Begriff Schweizer Humor, denkt an seinesgleichen dabei. Sicher versteht er Spass! Und wenn er Deutschschweizer ist, stellt er sich diesen Spass nicht auf Französisch vor, mi

 
 
 
aus der neuen welt

„die fabrik″ 2.Teil, 2009 man kann etwas tun oder nichts. dafür oder dagegen oder nichts. gehört zusammen dreieinig. der egoismus des aufbegehrens, des widerstands, so man leben will und nicht verharr

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
  • Facebook
  • Twitter
  • LinkedIn

©2020 Reimers Blog. Erstellt mit Wix.com

bottom of page