Im deutschen Gartenbad
- Caspar Reimer
- vor 4 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Neulich im Gartenbad zeigte sich das Leben von der versöhnlichen Seite. Eigentlich geschah nichts. Und dieses Nichts war ihm nicht bedrohlich, nein: Die Langeweile nahm ihn bei der Hand und zeigte ihm die Existenz. Ja, so war es. Er hatte keinen Stress: Die meisten Schulden waren abbezahlt und er hatte ein regelmässiges Einkommen. Was will man mehr? Er lag auf dem Rücken, spürte das warme Gras und schnupperte ein Lüftchen, studierte das Grün der Baumkrone und die Muster der Verästelungen. Darüber zwitscherten die Vögelchen. Wie lange der Baum wohl schon dastand? Ein Freund hatte ihm dieses Gartenbad, das jenseits der Grenze in Deutschland lag und deswegen eigentlich Freibad hiess, gezeigt. Es gebe einen grossen Park, wo man immer genügend Platz und Schatten finde. Schon allein deshalb schien ihm der Begriff Gartenbad passender. Er regte die Fantasie an. Der Sportler geht ins Frei-, der Künstler ins Gartenbad. Jetzt hörte er in der Ferne beim Planschbecken ein paar deutsche Kinder spielen. Deutsche Kinder. Sie schienen wohlgesinnt, fröhlich. Er musste an einen Artikel denken, den er neulich in einer Zeitung gelesen hatte: Es ging um den Rechtsdrall an deutschen Schulen. Hakenkreuze, Hitlergrüsse und dergleichen. Wobei: Er dachte nicht wirklich an den Artikel, er dachte an überhaupt nichts. Vielmehr waren es atmosphärische Ströme, die im Sommertag, im Sattgrün und in seinem Kopf mäanderten. Ein deutscher Bub, der 80 Jahre nach des Führers Tod den Hitlergruss zeigte? Das kam ihm lächerlich vor. Vielleicht waren die TikTok-Filmchen schuld. Oder die AFD? Oder Merkel? Ab und zu richtete er sich etwas auf und las in seinem Buch. Antike Philosophie. Im Gegensatz zu den Existenzialisten, über die er sich jüngst belesen hatte, erschienen ihm die alten Philosophen so…von einem Sinn erleuchtet. Die Männer stocherten im Kosmos auf der Suche nach Harmonie und Ordnung. Vielleicht war das Gartenbad ein Abbild des Paradieses? Ging es hingegen nach den Existenzialisten, wäre das Sein an diesem Ort und die Einbildung, die er sich darauf machte, nicht nur lächerlich, sondern absolut sinnfrei. Eine Peinlichkeit vor dem Nichts. Er legte das Buch wieder weg und konzentrierte sich auf den Moment. Die Vögelchen, der Baum, das Grün, der eigene Atem. Achtsamkeitstraining nennt man das in der Psychiatrie. Jetzt kam der Moment, eine Zigarette zu rauchen. Gerade an einem ereignislosen Tag war es wichtig, sich das Rauchen einzuteilen. Kleine Inseln in der Langeweile. Ganz ohne Struktur ging es nicht. Auf einer Anhöhe oberhalb des Bades standen Baracken, die über eine Steintreppe zu erreichen und mit «Umkleide» angeschrieben waren. Ein leichter Schauder kitzelte an seinem Bewusstsein. Das Wort «Umkleide», es mahnte ihn an Auschwitz. Neben den Baracken gab es eine kleine Terrasse, wo man rauchen konnte. Er zündete die Zigarette an und beobachtete das Bad, den Park. Spielende Kinder gab es auch zu Hitlers Zeiten. Und selbst der war ja mal ein Kind. Zwei Frauen sassen auf Stühlen an der Sonne und liessen sich bräunen. Auf ihrer Haut glänzte Sonnencreme. Es gibt keine Gesunde Bräune, mahnen Dermatologen Jahr für Jahr. Aber das muss jeder selbst wissen. Die Temperatur sei so genau richtig. Wärmer müsse es nicht werden, sagte die eine und die andere pflichtete bei. Später ging er noch zum Kiosk, ein Getränk holen. Biolimonade, hergestellt in der Gegend. Deutschland kann auch süss sein. Der Mann am Kiosk war freundlich, doch ging ihm die deutsche Arbeitskollegin durch den Kopf, die darüber plauderte, es gebe in der Gegend gewisse Ressentiments gegenüber den Schweizern. Ein Wirt habe sich über sie ausgelassen. Sie trieben die Preise hoch und seien geizig. Für ihn war die Limonade hier noch immer sehr günstig. In seinem Land hätte er das Dreifache bezahlt. Was konnte er schon dafür? Was konnte er für die Schweiz? Was konnte ein Deutscher für Deutschland? Eigentlich geht es doch allen gleich, fühlte er leicht gekränkt und versöhnlich zugleich. Er gab einen Euro Trinkgeld. Der Mann nickte nur. Wenigstens ein Wort hätte er doch sagen können. Jetzt packte er seine Sachen und radelte der Abendsonne entgegen nach Hause. Der Wind kitzelte ihm die Ohren. Irgendwo bellte ein Hund.



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